Brauch´ ich das?

Im Kapitalismus hängt alles am Konsum. Der ist mit der Corona-Pandemie in die Sinnkrise geraten. Hat die Wirtschaft, wie wir sie kennen, ihren Zenit überschritten?

von Elisabeth Raether, Mark Schieritz und Bernd Ulrich

Corona hat den Stillstand erzwungen, und der Stillstand hat zu bestimmten Erfahrungen geführt. Die kann man tabuisieren – und sie werden tabuisiert – aber man kann sie nicht mehr aus der Welt bringen. Leider oder Gott sei Dank? Das wird man sehen. Dies also sind die zwei fundamentalen Erfahrungen der Shutdown-Zeit: Zum einen vermissen die Menschen viele Dinge, die sie für normal gehalten haben. Umarmungen, Sorglosigkeit, Kitas und Bars, die eigenen Eltern. Zum anderen vermissen die Menschen viele Dinge kein bisschen, die sie für normal gehalten haben. Sie genießen, dass die Straßen leer sind. Das Leben in der Jogginghose, die Frisur rausgewachsen, aber niemanden stört es. Endlich kann man fast nichts verpassen, einfach weil fast nichts geschieht.

Jetzt machen die Geschäfte wieder auf. Die Wirtschaft wird aus der Narkose geholt. Es gibt wieder Rabattaktionen und belebte Fußgängerzonen. Der Alltag, wenn auch ein neuer, mit Mundschutz und viel Unsicherheit, sucht sich seinen Weg. Doch ein Gedanke ist nun da, der nicht mehr so schnell verschwindet – beziehungsweise handelt es sich nicht einmal um einen Gedanken, sondern einfach um ein Erlebnis: So sieht die Welt also aus, wenn sich alles aufs Wesentliche reduziert, nur das Nötige gekauft wird, so bin ich und so bist Du, wenn wir nicht rennen.

Offenbar ist auch etwas reizvoll am Weniger. Selbstverständlich nur für diejenigen, die mehr Geld haben, als sie für das Nötigste brauchen. Verzicht ist allein für diejenigen eine kulturelle und ökonomische Alternative, die etwas zum Verzichten haben. Zufällig sind das jedoch auch diejenigen, die den Kapitalismus von der Nachfrageseite her am Laufen halten. Ohne ihre Kauflust, ohne ihre ständige Bereitschaft, so viel zu konsumieren, wie sie eben können, wird es heikel. Wer nur seine Grundbedürfnisse stillt, darf dabei sein, ist aber im Grunde ökonomisch egal. Die Wirtschaft verlässt sich voll und ganz auf diejenigen, die Überflüssiges kaufen.

Aber die haben in den vergangenen Wochen offenbar gar nicht darauf gewartet, wieder in die Fußgängerzone zu dürfen. Die Rabattaktionen werden nicht angenommen. Das Konsumklima ist in Deutschland auf einen historischen Tiefpunkt abgestürzt, sagt das Marktforschungsinstitut Gesellschaft für Konsumforschung. Die sogenannte Anschaffungsneigung der Verbraucher befinde sich im freien Fall. Die Gedanken scheinen woanders zu sein. Nicht zuletzt natürlich wegen Kurzarbeit und drohender Arbeitslosigkeit. Das ist eine naheliegende Erklärung. Aber was, wenn viele „Verbraucher“, also die Menschen, die gerade versuchen zu verstehen, was um sie herum passiert, gar nicht zu viel Angst haben, sondern einfach zu wenig Lust, Kauflust? Das Geld wäre durchaus da, die Sparquote ist derzeit hoch. Aber offenbar verspüren überraschend wenige den Drang, die verpassten Gelegenheiten der vergangenen Wochen nachzuholen.

Es könnte an dieser Zwangskatharsis liegen, zu der nun die meisten verdonnert oder eben begnadigt sind. Alle Gewohnheiten sind mit Ausbruch der Seuche von heute auf morgen verschwunden, das Händeschütteln, das Herumreisen, die ganzen Termine und Verabredungen, die gerade noch so dringend schienen. Plötzlich gab es keine Normalität mehr, kein „Das habe ich schon immer so gemacht“. Das Kaufen unnötiger Gegenstände war ja von jeher ein mystischer Akt und deshalb auch etwas fragil, kein natürlicher Impuls, sondern ein produziertes Bedürfnis, eigentlich nur möglich, solange es eben alle anderen auch taten und solange man nicht groß darüber nachdachte. Oder das Denken der Werbung überließ, die zwar jeweils nur zu einem Produkt verführen will, in der Summe aber fürs Konsumieren als solches wirbt, die täglich, sekündlich einen ökonomischen Phantomschmerz erzeugt. In dieser einzigartigen Krise tritt nun das Gemachte am Gewohnten hervor, man schaut sich gewissermaßen selbst ins Hirn. Und staunt.

Man muss einfach Sachen kaufen

So merken wir, dass man eben alles Heilige zerstören kann, wenn man allzu viele Fragen stellt. Warum kaufe ich ein Auto, wenn ich noch eins habe, das fährt? Was ist der Grund dafür, dass ich zehn Pullover besitzen will? Es kann sein, dass die „Anschaffungsneigung“ die plötzliche Bewusstwerdung, die Corona mit sich bringt, nicht unbeschadet überlebt hat. Vielleicht hält der Hyperkonsum kulturelle Kritik ganz gut aus, die ja wirklich oft nichts anderes im Sinn hat, als die Massen zu verachten. Sogar die ökologischen Bedenken kann er einigermaßen wegkaufen, eines aber scheint ihm nun doch zuzusetzen: die Unterbrechung.

Aber auch die Produktwerbung. Sie hat mittlerweile etwas Verzweifeltes bekommen. Die Zahl der Werbebotschaften, denen man täglich ausgesetzt ist (oder war), geht laut Schätzungen in die Zehntausende. Die Wahrnehmung macht da aber nicht mit, man spricht von Werbeblindheit, die meisten Botschaften rauschen einfach vorbei. Die Werbetreibenden ziehen daraus den Schluss, das Aufkommen noch zu erhöhen. In allen Umfragen geben Verbraucher an, sie fühlten sich geradezu verfolgt, besonders von Onlinewerbung. Es ist, als renne einem ständig jemand hinterher, der ruft: Wollten Sie vorhin nicht diese Schuhe hier kaufen? Sicher nicht? Jetzt vielleicht? Digitale Drückerkolonnen.

Und dann ist da noch die Müllfrage. Man sieht heute schon immer den Müll in den Sachen, die man kauft.

Ohne Konsum kein Kapitalismus

Aber jetzt droht die Rezession. Die Geschäfte in den Städten gehen pleite. Man muss also raus, einkaufen. Auch wenn einem nicht danach ist. Selbst die Grünen fordern zum Materialdurchsatz auf und wollen jedem im Land einen Einkaufsgutschein über 250 Euro zukommen lassen. Der soll natürlich nur in den „kleinen“ Läden gültig sein, die Innenstädte vor der Verödung und den Dorfkern vor dem Aussterben bewahren. Auch für die Grünen kann ein öffentlicher Ort nur funktionieren, wenn man da etwas kaufen kann.

Besonders laut klagt wie stets die Autoindustrie. Muss ich mir jetzt also auch einen VW-Diesel kaufen, um das Deutschland zu bewahren, das ich kenne? Autos herzustellen ist eine sogenannte Schlüsselindustrie, jeder verlorene Arbeitsplatz ist ein gekränkter Mann mehr, also ein AfD-Wähler mehr. Shoppen avanciert zum patriotischen Akt, serve the flagship store. Die Leichtigkeit, sollte es sie jemals gegeben haben, ist dahin. Iss deinen Teller leer, geh einkaufen, aber halte den Abstand zur Verkäuferin, meide die Wühltische, fass nichts an, trödle nicht herum, draußen warten schon die nächsten – das Einkaufsparadies als Pandemiehölle, hach, da kommt Freude auf.

Kapitalismus kann ohne Konsum nicht überleben

Aber ist der Kapitalismus denn schon in der Krise, wenn nur, sagen wir, zwanzig Prozent der kaufkräftigen Kundschaft mit dauerhaft halbierter Kauflust aus dieser Corona-Zeit wieder herauskommt? Ja, ist er.

Diese Krise macht deutlich, dass der Kapitalismus ohne den Konsum nicht überleben kann. Da haben die Läden gerade einmal für ein paar Wochen geschlossen und schon muss der Staat ein Rettungspaket in Höhe von fast eineinhalb Billionen Euro auf den Weg bringen, um den Systemabsturz zu verhindern. Und das nächste ist bereits in Vorbereitung.

Wie viel weniger Geld die Deutschen im Moment ausgeben, kann niemand genau sagen, weil diese Daten erst mit Zeitverzögerung erhoben werden. Man kann aber Schätzungen anstellen, so wie es die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute vor zwei Wochen in ihrer Konjunkturprognose für die Bundesregierung getan haben. Demnach gehen die privaten Konsumausgaben allein im zweiten Quartal dieses Jahres um mehr als zehn Prozent zurück – und dabei ist unterstellt, dass die Wirtschaft ab Mitte April wieder hochgefahren wird, was inzwischen als ausgeschlossen gelten kann.

Der Zusammenhang von Kauflust und Kaufkraft ist fundamental. Der Endzweck jeder kapitalistischen Produktion ist der Konsum, in diesem Punkt waren sich sogar der Liberale Adam Smith und der Kommunist Karl Marx einig. In einer Subsistenzwirtschaft erzeugt jeder das, was er braucht, unabhängig von den Wünschen und Bedürfnissen der Gesellschaft.

Die gesamte Krisenrettungspolitik ist darauf angelegt, dass die Wirtschaft die Produktion wieder hochfährt, schon wegen der vielen neuen Schulden, die in diesen Wochen aufgetürmt werden und die bedient werden wollen. Da ist es ein Problem, wenn die Wirtschaft nicht mehr richtig wächst und das Steuergeld auch nicht.

An sich selbst verschluckt

Es fällt schon auf, dass alle großen Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahrzehnte durch konsumtive Offensiven besiegt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg ebnete ein wirtschaftswunderbarer Konsumrausch der neu gegründeten Bundesrepublik den Weg an die ökonomische Weltspitze. Ludwig Erhard huldigte einem „Willen zum Verbrauch“, der eine „immer bessere und freiere Lebensführung für das gesamte Volk“ ermögliche und der allemal besser war als der vorher herrschende „Wille zur Macht“. Die Finanzkrise von 2008 hat das Land vor allem deswegen vergleichsweise milde getroffen, weil die Deutschen weiter shoppen gingen – beziehungsweise die Chinesen, die Amerikaner, die Italiener und die Franzosen. Deutschland ist eine Exportnation, und das bedeutet: Auch andere müssen für uns konsumieren.

Nach diesem Muster müsste also mit der allmählichen Öffnung der Läden auch der volkswirtschaftliche Heilungsprozess beginnen: Die Kauflust kehrt zurück, die Umsätze im Handel steigen, die Wirtschaft wächst, die Arbeitsplätze kommen zurück. So kann es natürlich kommen, aber was, wenn nicht? Die Ausgangsvoraussetzungen jedenfalls könnten im Vergleich zu früheren historischen Krisen unterschiedlicher nicht sein. Anders als nach dem Krieg muss das Land nicht neu aufgebaut werden. Es steht ja noch alles. Und wer es sich leisten kann, wird sich vielleicht die Frage stellen, ob es nicht besser ist, das Geld zusammenzuhalten – für den Fall, dass das nächste Virus schon irgendwo ausgebrütet wird. Die privaten Konsumausgaben in Deutschland beliefen sich zuletzt auf 1.744 Milliarden Euro im Jahr. Wenn sie nur um 20 Prozent zurück gehen, dann fehlen gut 350 Milliarden Euro. Das entspricht ziemlich genau dem Volumen des gesamten jährlichen Bundeshaushalts.

Deglobalisierung für Deutschland ein Problem

Anders als nach der Finanzkrise ist zudem unwahrscheinlich, dass die Chinesen oder die Amerikaner die Konsumnachfrage am Laufen halten. Denn selbst wenn im Rest der Welt ebenfalls die Geschäfte wieder öffnen: Dass die weltweiten Lieferketten einfach wieder in Betrieb genommen werden, ist unwahrscheinlich, zu groß ist in allen Staaten das Bedürfnis nach mehr Sicherheit und Unabhängigkeit. Die sich abzeichnende Deglobalisierung dürfte für den großen Globalisierungsgewinner Deutschland mit seinen Exportunternehmen nicht leicht zu verkraften sein.

Man kann sich derzeit am Ölmarkt anschauen, was passiert, wenn sich eine Ware nicht mehr verkaufen lässt. Erst verfällt ihr Preis und dann wird Schritt für Schritt die Produktion heruntergefahren, oder zumindest weniger stark gesteigert, als es eigentlich geplant war. So etwas könnte auch deutschen Automobilherstellern oder Maschinenbauern oder Reiseanbietern drohen.

Die Frage „Ist das denn auch gerecht?“ hat den Kapitalismus nicht ernstlich in Schwierigkeiten gebracht, auch die Frage, ob das denn alles nachhaltig sei, konnte ihn nicht wirklich beeindrucken. Nein, die mörderische Frage für den Kapitalismus heißt offenbar: „Brauch‘ ich das?“

Augenzeugen des Globalisation-Peak

Und nun? Der Kapitalismus kommt im Prinzip auch mit einem niedrigeren Niveau von Konsum und Produktion zurecht. Die Frage wäre, wie der Gesellschaft das gelingt. Denn wenn die Wirtschaft nur noch auf Sparflamme läuft, müsste über neue Modelle für die Finanzierung von öffentlichen Leistungen und sozialen Ausgleichsmaßnahmen nachgedacht werden, womöglich auch über ein neues Verständnis von Erwerbsarbeit: Man braucht einfach weniger Leute, wenn weniger hergestellt wird. Oder kürzere Arbeitszeiten.

Aber das ist natürlich nicht alles. Sollte sich herausstellen, dass der Kapitalismus seinen Zenit in diesem Jahr 2020 überschreitet, wenn wir alle tatsächlich gerade Augenzeugen des Globalisation-Peak werden, dann steht plötzlich sehr viel mehr infrage als nur ein Wirtschaftssystem. Wachstum – das merken wir nun, da es dauerhaft infrage steht – war die globale Zivilreligion, war das, was in China wie in Brasilien, in den USA wie in Bangladesch stets vor der Klammer und außerhalb jeder ernsthaften Debatte stand. Die Folgen der Säkularisierung dieser Religion dürften gewaltig sein, die Welt müsste sich neu erfinden, man bräuchte gewissermaßen eine Art globale Generalversammlung vor der Klammer.

Auszug aus:  Brauch ich das? Zeit-Online, von Elisabeth Raether, Mark Schieritz und Bernd Ulrich, 1.5.2020