Wachsen oder Schrumpfen? Kreislaufwirtschaft!
Das Ende des Kapitalismus
Der Kapitalismus war wirkungsvoll, wir haben nur ein Problem: er muss immer weiter wachsen. Wie wir mit halbem Energieverbrauch in einer ökologischen Kreislaufwirtschaft gut leben können.
von Ulrike Herrmann
Der Kapitalismus war wirkungsvoll. Das System, in dem wir leben, finde ich außerordentlich faszinierend. Dieser Kapitalismus ist das einzige dynamische Sozialsystem, das die Menschheit jemals entwickelt hat. Alle anderen Menschen vor uns in allen Erdteilen haben immer in stagnierenden Agrargesellschaften gelebt. Da gab es kein Wachstum pro Kopf, fast alle mussten auf dem Land schuften, die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 35 Jahre. Wir haben von dem Kapitalismus profitiert, weil er eben Wohlstand und Wachstum erzeugt hat. Eigentlich alles super.
Wir haben nur ein Problem: Der Kapitalismus erzeugt nicht nur Wachstum, er benötigt auch Wachstum um stabil zu sein. Aber es ist keine neue Erkenntnis, dass man in einer endlichen Welt nicht unendlich wachsen kann. Es zeigen sich zwei offenkundige Grenzen, die auch erkennbar in Sicht sind. Das eine ist die Rohstoffgrenze. Es hat sich ja schon rumgesprochen, dass sogar Bausand knapp wird. Das andere ist die Umweltgrenze. Die Klimakrise ist ja nicht das einzige Problem, wir rotten auch alle Arten aus, wir ruinieren die Böden, wir ruinieren die Süßwasserreserven, wir ruinieren die Meere usw. Deutschland verbraucht im Augenblick drei Planeten, es gibt aber nur eine Erde. D.h. so bedauerlich das auch ist, dieses System hat keine Zukunft.
Wenn jetzt aber kein Wachstum mehr möglich ist, weil man ja nicht drei Planeten verbrauchen kann und nur eine Erde hat, dann rauscht dieses System unkontrolliert in die Tiefe. Die Klimakrise ist kein dummer Zufall, ausversehen, weil keiner hingeguckt hat, sondern die Klimakrise ist die zwingende Rückseite des Kapitalismus, die gehören zusammen. Der Kapitalismus ist im Kern das folgende System: man investiert in Technik, um damit Waren herzustellen, die man mit Gewinn verkauft. Der Kern des Systems ist die Technik. Nun läuft aber Technik nur mit Energie, ohne Energie bewegt sich da gar nichts. Die Energie war bisher immer fossil, also Gas, Öl, Kohle und hatte den bedauerlichen Nebeneffekt, dass man leider damit eben CO2 produziert hat.
Grünes Wachstum
Nun setzt man auf technische Lösungen, z.B. das E-Auto. Statt dem Verbrennungsmotor gibt es jetzt den E-Antrieb, ansonsten bleibt alles wie bisher, nur ein umweltfreundlicher Antrieb, und schon ist die klimaneutrale Welt da. Diese Idee des grünen Wachstums vertreten in Deutschland alle Parteien, von der CSU bis zu den Grünen wollen alle Grünes Wachstum. Die Differenzen liegen nur darin, wie schnell man die Windräder aufbaut, doch an sich ist das die herrschende Idee in Deutschland, und im Prinzip auch weltweit.
Das wäre auch im Prinzip wunderbar, ich wäre auch für grünes Wachstum. Aber da gibt es eben eine schlechte Nachricht: die Ökoenergie wird nicht reichen, um dieses Grüne Wachstum zu befeuern. Zunächst mag es merkwürdig klingen, dass Ökoenergie knapp und teuer bleiben wird, zumal es ja so ist, rein physikalisch, dass die Sonne 5000mal mehr Energie zur Erde schickt als alle Menschen brauchen würden, wenn alle so leben würden wie im Westen, d.h. es fehlt nicht an physikalischer Energie.
Nur bringt es nichts, dass die Luft warm ist, man muss die Sonnenenergie einfangen. Dafür gibt es im Kern eigentlich nur zwei ausbaubare Technologien, die auf große Mengen kommen können. Das eine sind Solarpaneele, und das andere ist Windenergie. Das bedeutet: nur Strom, und sonst nichts, lässt sich ökologisch herstellen. Wenn man also eine klimaneutrale Wirtschaft haben will, muss man alle Branchen auf Strom umstellen. Nicht nur die Stromproduktion muss ökologisch werden, sondern auch der Verkehr, die Industrie, und die Heizung, alles muss auf Strom umgepolt werden. Das ist technisch möglich, daran scheitert es nicht.
Aber wenn man sich einmal anschaut, wie weit wir sind, dann sind die Zahlen erschütternd. Im Jahr 2021 deckte die Windenergie 4,7% des Endenergieverbrauchs in Deutschland ab, das ist nichts, und die Solarenergie war nur bei 2%. Und man muss auch wissen, dass in Deutschland die zentrale Energieform Wind sein wird, weil es bei der Sonne so ist, dass sie im Winter praktisch nicht scheint. Im Winter bekommen wir nur ein Achtel der Sonnenenergie, die wir im Sommer haben. Das ist für ein kapitalistisches Wirtschaften praktisch nicht auszuhalten, weil man permanent Energie benötigt. Natürlich kann man noch mehr Windräder aufstellen, es gibt auch gar keine Alternative zur Windenergie, man kann ja nicht die Welt aufheizen, bis man nicht mehr auf ihr leben kann. Klimaschutz ist zentral, aber wir fangen an zu sehen, dass es alles sehr schwierig wird.
Wenn man auf Wind und Sonne setzt, muss man enorme Mengen an Strom speichern, damit man immer Energie hat, auch wenn im Moment kein Wind weht, obwohl das eigentlich eingeplant war. Diese Speichertechnologien sindtechnisch auch möglich, aber eben aufwendig. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: das eine sind Batterien, das andere ist der Grüne Wasserstoff. Beides ist teuer, beides ist aufwendig, und den Grünen Wasserstoff gibt es im Augenblick eigentlich noch gar nicht.
Grünes Schrumpfen
Also: Klimaschutz muss sein, aber Ökoenergie wird knapp und teuer bleiben. Damit ist klar, dass es hier nicht um Grünes Wachstum geht, sondern um Grünes Schrumpfen. Wenn von Grünem Schrumpfen die Rede ist, dann denken die meisten, dass jetzt der Abmarsch in die Steinzeit vorprogrammiert ist, dann müssen wir wieder alle in Höhlen leben oder nur noch Felle tragen.
Doch so schlimm wird es nicht. Nehmen wir mal an, man müsse die deutsche Wirtschaftsleistung halbieren, damit die Ökoenergie reicht, dann würden wir im Jahr 1978 landen. Die meisten waren 1978 so glücklich wie heute. Es gab natürlich keine Erdbeeren im Winter und auch keine Flugmangos, man ist auch nicht für zwei Tage nach Mallorca geflogen, um da einen Betriebsausflug zu machen, sondern für drei Wochen mit dem Auto nach Italien gefahren. Das wäre natürlich zukünftig anders, dann müsste man dorthin mit der Bahn fahren, aber das ist ja eigentlich nicht schlecht, es war wenigstens nicht der Horror.
Ökologische Kreislaufwirtschaft
Das Ziel ist nicht die Frage: wir müssen in eine ökologische Kreislaufwirtschaft, in der man nur noch verbraucht, was man auch recyceln kann, und in der eben die Ökoenergie reicht. Und diese Kreislaufwirtschaft wäre ungefähr 50% kleiner als unsere heutige Wirtschaft. Aber da würde niemand hungern, es wäre nicht die Katastrophe, man könnte eigentlich entspannt und schön leben. Das Problem taucht nicht bei diesem Ziel der ökologischen Kreislaufwirtschaft auf, sondern in dem Folgenden: hier haben wir den großen Kapitalismus, der dynamisch wachsen muss, also noch größer werden muss, damit er stabil ist, und hier haben wir die kleine ökologische Kreislaufwirtschaft, die dann tendenziell statisch wäre, in der man auch gut lebt.
Es wird Branchen geben, für die die Ökoenergie nicht reichen wird. Aus meiner Sicht wird Fliegen nicht mehr möglich sein, weder Langstrecke noch Kurzstrecke, es geht einfach gar nicht. Das liegt daran, dass man zwar technisch Biokerosin synthetisch herstellen kann. Das würde aber wahnsinnig energieaufwendig werden, und dafür wird die Ökoenergie nicht reichen. Nun leben in ganz Deutschland aber 850 000 Menschen, die direkt oder indirekt an der Flugzeugindustrie hängen, ob das Airbus in Hamburg ist oder Fraport in Frankfurt oder die Stewardessen usw., das ist ein Riesenbusiness. Was sollen diese 850 000 Leute machen, wenn es keine Flugzeuge mehr gibt?
Ein weiteres Thema ist das Auto. Die Ökoenergie wird nicht dafür reichen, dass jeder ein E-Auto haben kann. Das ist nicht das Ende der Mobilität, man kann ja auch Bus fahren, und Busse würden auch im ländlichen Bereich viel häufiger fahren, wenn nicht jeder in seinem Auto säße. Doch das Problem liegt darin, dass im Augenblick in der Autoindustrie 1,57 Millionen Menschen direkt oder indirekt beschäftigt sind. Was soll aus Baden-Württemberg, aus der Region Wolfsburg-Braunschweig in Niedersachsen werden? Das ist alles Autoland.
Und nicht nur die Produktionsbranchen, auch die Dienstleistungen würden sich sehr stark verändern.
Obwohl so viele Branchen wie Flugzeug- oder Autoindustrie, Banken, Versicherungen, Zeitungen usw. sich umorientieren müssten, wäre es kein Problem, neue Arbeit für diese Menschen zu finden. Zum Beispiel im Ökolandbau, auf den wir dringend umstellen müssen, weil die industrialisierte Landwirtschaft, die wir heute betreiben, ja die Böden und die Artenvielfalt ruinieren. Im Ökolandbau braucht man sehr viele Menschen, auch wird man den gesamten deutschen Wald wieder aufforsten müssen, weil der den Klimawandel nicht überleben wird. Es wird Arbeitsplätze geben, das ist nicht das Problem. Das Missverständnis taucht an einer anderen Stelle auf: es werden alle Arbeit haben können, aber nicht mehr das gleiche Einkommen. In einer schrumpfenden Wirtschaft, in einer Welt, in der es nicht mehr so viel zu kaufen gibt, in der weniger Waren entstehen, kann man nicht mehr das gleiche Einkommen haben.
aus: Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus , Haus am Dom (YouTube)/schriftliche Fassung jk
