Wir können auch anders
Aufbruch in die Welt von Morgen
Unsere Gesellschaften stehen inmitten von Veränderungen, wie sie in der Geschichte der Menschheit bisher wohl nur die Erfindung des Ackerbaus oder die Entstehung von Feudalismus, Industrialisierung und Kapitalismus mit sich brachten. Wir müssen ein paar Dinge anders machen. Wir können das aber auch.
von Maja Göpel
Aus Mangel wurde Überfluss. Die Menschheit hat sich die Erde angeeignet und dienstbar gemacht. Mit ihrem Forscher- und Erfindergeist hat sie es sich mithilfe von Technik und fossiler Energie auf dem Planeten gemütlich eingerichtet, wir nennen es Wohlstand und erfreuen uns der Möglichkeiten einer sicheren, freien Lebensweise ohne Hunger und Not, denn die Gefahren und Härten der Naturgewalten haben wir weitestgehend in den Griff bekommen. Ja, wir leben sogar in Zeiten des Überflusses, und die Wahrung der Menschenrechte ist uns ein hohes Gut geworden. Alles bestens also?
Wir haben auch sehr viel als Menschheit gelernt und haben sogar verstanden, dass das Lernen und das Sich-Anpassen an neue Gegebenheiten die Eigenschaft ist, die uns erst richtig zum Menschen macht. Als denkende Wesen können wir uns Bilder von der Zukunft machen und über den Tellerrand der eigenen Existenz in die weite Welt hinausblicken. Wir sprechen – mit Recht – von Fortschritt, doch sind wir beim Blick auf den aktuellen Zustand der Welt und des Menschen diesbezüglich nicht mehr so sicher.
Es gibt da nämlich leider zwei Dinge, die das Bild eintrüben. Wir können erkennen, dass die schöne neue Welt, die wir genießen, nur für einen gewissen Teil der Menschheit Realität ist. Wenn wir an die Gemeinschaft aller Menschen denken, fällt es uns auf, dass ihr Zusammenleben massiv durch Ungerechtigkeit und Gewalt gestört ist. Der Blick auf das Zusammenwirken der Menschen, das Soziale, ist deswegen von Bedeutung, weil ein einzelner Mensch ohne seine Mitmenschen gar nicht existieren kann. Das Soziale mitzudenken liegt im Eigeninteresse eines jeden.
Wenn wir zweitens auf unsere Naturumgebung blicken, das Leben der Natur bedenken, von der wir ja ein Teil sind, können wir sehen, dass sie unseren Umgang mit ihr nicht mehr toleriert. Wir sprechen hier von den planetaren Grenzen. Genauer betrachtet geht es dabei auch gar nicht um unsere „Umwelt“, sondern um die Mitwelt des lebendigen Zusammenwirkens allen Lebens auf der Erde, und wir realisieren jetzt, dass wir uns selbst gefährden, wenn wir die Natur zerstören.
Denken, verstehen und erzählen: Bildung!
Die Aufgabe, die uns als Menschheit jetzt ins Haus steht, sieht tatsächlich nach einem großen Schritt in eine neue, unbekannte Welt aus. Es ist vermutlich ein Übergang, eine „Transformation“ in eine andere Zukunft. Altes wird brüchig, überzeugt nicht mehr, und Neues ist erst ansatzweise sichtbar. So ein Übergang bringt zwar auch Chaos und Ängste mit sich, doch ist es nicht das erste Mal, dass die Menschheit große Schritte der Veränderung bewältigt hat, zuletzt war es der Einstieg in den industriellen und fossilen Kapitalismus vor 250 Jahren.
Es geht auch darum, den Gang der Entwicklung zu verstehen, und dabei kann man so weit kommen, sogar sich selbst als Mensch besser zu verstehen, ein unschätzbarer Wert für eine gute Lebensführung. Wie geschieht das? Durch Interesse und Bildung. Und was ist echte Bildung? Das Verlassen des gewohnten Pfades!
Wir müssen jetzt allerdings groß denken. Die Zukunft kennen wir zwar nicht, doch ist es klar, dass wir sie als Menschen mitgestalten werden. Dazu helfen uns Erzählungen. Zum Beispiel gibt es Pessimisten, die uns erzählen, dass angesichts der ökologischen Herausforderung, insbesondere des Klimawandels und des Artensterbens, apokalyptische Zustände bevorstehen. Also Depression. Oder es gibt Optimisten, die uns erzählen, dass Wissenschaft und Technik in der Lage sein werden, dafür zu sorgen, dass alle unsere materiellen Bedürfnisse genauso weiterhin und zusätzlich auch die der noch darbenden Teile der Menschheit erfüllt werden können, wir bräuchten auf gar nichts zu verzichten. Also einfach weiter so. Doch wahrscheinlich realistischer ist die Erzählung der Possibilisten. Wer Luisa Neubauer von den Fridays for Future oder anderen zuhört, kennt diese Erzählung. Es geht um das, was möglich ist, eine lebbare neue Welt, die nur ziemlich anders als heute aussieht.
Wir stecken voller Potenziale, die unsere Lebensqualität verbessern und vor allem langfristig erhalten können. Dazu sollten wir jedoch die Grundlagen von Lebensqualität und die Effekte von verändertem Konsumverhalten anschauen.
Niemand kann genau wissen, wie es weitergehen wird und welche Erzählung stimmt. Doch jeder Mensch kann selber an dieser Zukunft mitdenken, eigene Geschichten erfinden und hinzufügen. Und wenn er sein Potential richtig ausschöpft, kann er auch an dieser Zukunft mit bauen.
Ein gutes Leben für alle innerhalb der planetaren Grenzen
Mit dem heutigen Stand der Technik können zehn Milliarden Menschen anständig auf der Erde leben, ohne dass der weltweite Energieverbrauch steigen müsste, er könnte sogar fallen. Wir bräuchten nicht mehr Energie, als wir Anfang der 1960er-Jahre zur Verfügung hatten. Wie würde ein solches Leben aussehen?
Natürlich gebe es auch in so einer Niedrigenergiewelt beheizte Wohnungen und fließendes Wasser, Handys, Kühlschränke, Internet, Krankenhäuser und Schulen. Kein Mensch muss nackt in einer Höhle leben. Grundbedürfnisse wie Unterkunft, Ernährung, Kleidung, Mobilität, Bildung, Kommunikation oder Gesundheitsvorsorge will auch diese Welt erfüllen. Sonst bräuchte man sie wohl nicht. Es ist eher die Art und Weise, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden, die diese Welt so sehr von unserer unterscheidet. So stehen in diesem Szenario jeder Person nur 15 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Heute sind es in Deutschland eher dreimal so viel. Jede und jeder kann täglich fünfzig Liter Wasser verbrauchen, deutlich weniger als die Hälfte dessen, was eine in Deutschland lebende Person heute für sich in Anspruch nimmt. Der individuelle Fleischkonsum ist auf fünfzehn Kilo pro Jahr beschränkt und damit auf ein Viertel dessen, was wir im Schnitt heute in Deutschland pro Jahr verzehren. Die Anzahl der Handys ist auf eines pro Person reduziert, die Anzahl der Laptops auf einen pro Haushalt, wobei zu einem Haushalt vier Leute zählen. Jeder Mensch kann jedes Jahr vier Kilo neue Kleidung kaufen und achtzig Kilo Wäsche waschen. Er kann auch 15 000 Kilometer im Jahr unterwegs sein, wobei er sich dafür sehr wahrscheinlich in einem stark ausgebauten öffentlichen Nahverkehr bewegt oder ein Fahrrad nimmt, aber eher nicht in einem eigenen Auto und sehr wahrscheinlich nicht in einem Flugzeug.
Eine solche Transformation hätte nicht nur den Vorteil, dass wir damit die Erderhitzung verlangsamen. Mit der Menge an erneuerbarer Energie, die wir weltweit heute schon erzeugen, hätten wir in diesem Szenario bereits die Hälfte unseres Bedarfs gedeckt. Zurzeit sind es noch weniger als ein Fünftel. In einer solchen Welt würden sich die Lebensumstände für viele Millionen Menschen im globalen Süden, die heute ärmlicher leben, die schlechter wohnen, sich schlechter ernähren und bilden können und weniger ärztliche Versorgung haben, stark verbessern. Für viele Menschen im globalen Norden hätte sie wohl eine Verringerung der Arbeitszeit zur Folge, und würde den Kopf und die Hände freimachen für Dinge, die uns bisher in den Tretmühlen des Glücks entgangen sind.
Es entstünde eine Welt, in der zehn Milliarden Menschen alle etwa gleich viel haben und es uns in Summe nicht den Planeten kostet.
aus: Maja Göpel: Wir können auch anders; Berlin 2022, S. 78ff, S. 245ff; Zusammenfassung jk
