Nationaler Wohlfahrtsindex
„Der Wohlstand geht trotz Wachstum zurück“
Im Interview erläutert der Wirtschaftswissenschaftler Roland Zieschank, inwiefern ein Wirtschaftswachstum nicht unbedingt zu steigendem Wohlstand führt.
tagesschau.de: Warum muss die Wirtschaft eigentlich ständig wachsen?
Roland Zieschank: Weil unsere Volkwirtschaft davon lebt, dass permanent Fortschritte in der Produktivität erzielt werden. Das heißt: Wenn Unternehmen besser, schneller und effizienter wirtschaften, benötigen sie weniger Arbeitskräfte. Damit diese Menschen wieder an anderer Stelle einen Job finden, muss die Wirtschaft nach der herkömmlichen Theorie mindestens zwei Prozent pro Jahr wachsen.
Aber: In einer Volkswirtschaft gibt es noch andere Ziele als pures Wachstum. Wir müssen wegkommen von diesem Wachstumsparadigma. Das Bruttoinlandsprodukt, das nur Dienstleistungen und Güter in die Berechnungen mit aufnimmt, sollte deshalb nicht das alleinige Maß für politische und wirtschaftliche Entscheidungen sein.
tagesschau.de: Das heißt: Sie halten das BIP für überholt?
Zieschank: Nein. Das BIP hat schon seine Existenzberechtigung, weil es einen Vergleich über verschiedene Zeitperioden und zwischen verschiedenen Ländern ermöglicht. Das Problem ist nicht die Ziffer, sondern ihre Interpretation.
tagesschau.de: Wie meinen Sie das?
Zieschank: Viele glauben immer noch, dass es mit steigendem BIP automatisch zu mehr Wohlstand kommt. Aber das muss nicht der Fall sein. Denken Sie an die Diskussion um Bonus-Zahlungen für Manager oder an den Verzehr von Hamburgern. Je mehr Burger die Menschen essen, je mehr Boni verteilt werden, umso mehr wächst das BIP. Aber: Die gesellschaftlichen Nachteile, die sich daraus ergeben – sei es für den allgemeinen Wohlstand oder für die Gesundheit des Einzelnen – werden nicht abgezogen.
Ein anderes Beispiel: Der Wirbelsturm „Katrina“ in den USA führte dazu, dass das BIP in den USA etwa um ein Viertel Prozent stieg, weil die Schäden in New Orleans behoben werden mussten, was wiederum die Wirtschaft ankurbelte. Von einer realen Wohlfahrtssteigerung lässt sich da aber bestimmt nicht reden.
tagesschau.de: Um solche Verzerrungen zu vermeiden, haben Sie zusammen mit dem Heidelberger Wirtschaftswissenschaftler Hans Diefenbacher einen Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) entwickelt. Wie messen Sie damit Wohlstand?
Zieschank: Uns geht es darum, Leistungen, die in amtlichen Statistiken nicht auftauchen, in die Berechnung mit einzubeziehen. Dazu zählt der Wert der Hausarbeit oder auch der Wert ehrenamtlicher Arbeit. Gleichzeitig ziehen wir die Kosten, die etwa durch verschmutzte Gewässer oder durch den Ausstoß von Kohlendioxid entstehen, in unserem Modell ab.
tagesschau.de: Und wie sehen nach dem NWI die Werte für Deutschland aus?
Zieschank: Seit 1996 haben wir einen gegenläufigen Trend zum Bruttoinlandsprodukt festgestellt: Während das BIP langsam steigt, nimmt der NWI tendenziell ab. Daraus lässt sich schließen: Die Wohlfahrt in Deutschland geht, verursacht durch Umweltschäden oder soziale Ungleichheit, tendenziell zurück.
tagesschau.de: Glauben Sie, dass dieser Index irgendwann auf internationaler Ebene als Vergleichswert herangezogen wird?
Zieschank: International wäre es nicht sinnvoll, aber innerhalb Europas schon. Denn hier haben wir vergleichbare Ausgangsbedingungen, was etwa die Einkommensverteilungen angeht. Auf EU-Ebene gibt es auch Diskussionen, die sich darauf konzentrieren, wie man wegkommt vom klassischen BIP zu einem qualitativen Wirtschaftswachstum.
Jörn Unsöld: Der Wohlstand geht trotz Wachstum zurück, www.tagesschau.de vom 25.09.2009./Internetquelle (letzter Zugriff 02.09.2014): www.tagesschau.de/wirtschaft/interviewrolandzieschank102.html/Bpb: Baustein acht: Mit oder ohne Wachstum? Auf der Suche nach einer nachhaltigen Ökonomie im 21. Jahrhundert. Von Sandra Eger und Steffen Kludt. Kapitel vier zwei, Lernmaterial zehn
