Hochhaus aus Holz

Bisher war Beton der erfolgreichste Baustoff der Menschheit. Das kann sich jetzt ändern.

von Franz Alt

In Hamburg soll bis 2024 das erste 13-geschossige Hochhaus entstehen, das recycelt werden kann – das erste Cradle-to-Cradle-Haus sozusagen. Dabei kommt es nicht allein auf das Baumaterial an, sondern auch darauf, wie es verbaut wird. Beim Holzbau werden einzelne Teile nicht verleimt, sondern nur mit Holzdübeln zusammengehalten, um Sortenreinheit zu gewährleisten. Auf diese Weise lassen sich die Sorten sauber trennen und wiederverwenden. Auch das übrige Haus soll möglichst grün werden – mit bepflanzten Fassaden und einer Wiese und Bäumen auf dem Dach. Horizontal und vertikal entsteht insgesamt mehr Grünfläche, als verbaut wird. Solche Pilotprojekte sind noch deutlich teurer als konventionelle. 190 Wohnungen wird dieses Projekt bieten, noch öffentlich gefördert. Im Innenhof können Obst und Gemüse angebaut werden, geplant sind 400 Fahrradabstellplätze und 40 Parkplätze für Autos, aber auch eine Kita mit Außenbereich.      

Bisher war Beton der erfolgreichste Baustoff der Menschheit. Weil aber seine Herstellung das Klima belastet, braucht es dringend einen Ersatz. Zurzeit produzieren wir jedes Jahr 33 Milliarden Tonnen Beton. Dadurch entstehen global etwa zehn Prozent aller Treibhausgase, die von Menschen freigesetzt werden – etwa dreimal so viel, wie der gesamte Flugverkehr in die Luft bläst. 98 Prozent aller CO2-Emissionen des Betons stammen aus der Zementproduktion. Es ist klar, dass wir so nicht weiterbauen können.                      

„Ohne radikale Bauwende wird das Pariser Klimabkommen scheitern,“ prophezeit Hans Joachim Schellnhuber, der frühere Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und gründete die weltweit aktive Organisation „Bauhaus der Erde“. Er begründet das so: Wenn wir Stahlbeton durch organische Materialien wie Holz oder Bambus ersetzen, können wir erhebliche Mengen an klimaschädlichen Emissionen vermeiden. Wir können uns mit regenerativer Architektur aus der Klimakrise herausbauen.

Der Clou beim Bauen mit Holz: es hilft bei beiden Enden des Klimaschutzes, am Anfang bei der Produktion und am Ende bei der Wiederverwertung. Und dazwischen wird über Jahrzehnte im Holz Kohlendioxid gespeichert. Das alles ist weit effektiver als Bauen mit Beton und Stahl. Auch wenn sich daraus Zielkonflikte zwischen Naturschutz und Holznutzung ergeben, darf es kein entweder-oder geben, sondern es braucht – und das ist schwierig – ein differenziertes, auch regional unterschiedliches, angepasstes, nachhaltiges Waldmanagement: eines, in dem sowohl Flächen bewirtschaftet als auch geschützt werden.

Selbst der Verband der norddeutschen Wohnungsunternehmen spricht sich inzwischen für eine neue ökologische Baukultur aus, die so aussehen könnte: höher bauen, mehr Grünflächen schaffen, vorhandene Flächen stärker begrünen, Baulücken schließen, schneller und mehr sanieren, weniger neu bauen und mehr renovieren und mehr Homeoffice. Dazu ist freilich eine nachhaltige Waldwirtschaft die Voraussetzung.

aus: Franz Alt: Der Planet ist geplündert. Was wir jetzt tun müssen, Stuttgart 2022