Kuh und Klima
Artgerechte Rinderhaltung
Weg mit den Rindern! Das ist die Lösung für viele Kritiker, die auf die Klimaschädlichkeit des Methanausstoßes von Kühen verweisen. Doch sind die Rinder wirklich schuld an der Klimakrise? Insbesondere bei Weidehaltung tragen sie sogar zum Klimaschutz bei und fördern die Biodiversität!
von Oliver Willing
Das Rind und andere Wiederkäuer sind Wunder der Natur. Sie können Gras in Milch und Fleisch verwandeln. Das Rind kann somit von etwas satt werden, was für die Ernährung des Menschen unbrauchbar ist. Um jedoch höhere Milch- und Schlachtleistung zu erreichen, hat der Mensch vor etlichen Jahrzehnten damit begonnen, das Rind vermehrt mit Kraftfutter wie z. B. Getreide zu füttern. Da das Kraftfutter auf Ackerflächen wächst, die auch für den Anbau von Lebensmitteln genutzt werden könnten, entsteht Flächenkonkurrenz.
Lässt man die Kuh sein, was sie von Natur aus ist, nämlich Weiderind und Verwerter von Grünland und Kleegras, erbringt sie enorm wichtige Leistungen. Durch das Grasen auf der Weide sowie durch das Schneiden von Wiesen und Kleegras für die Winterfütterung wird das Wurzelwachstum angeregt. Besonders Gräser können ein sehr feines und tiefes Wurzelwerk ausbilden, das sehr viel CO 2 bzw. Kohlenstoff im Boden bindet. So speichern Wiesen und Weiden mehr Kohlenstoff als die gleiche Fläche Wald!
Kühe müssen auf die Weide
Zudem bringen Weidekühe Vielfalt in Flora und Fauna. Ihr Fladen dient als Lebensraum für Kleinstlebewesen und Insekten und diese sind eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel und Fledermäuse. Diese Wirkung hat – wissenschaftlich nachgewiesen – nur der in der Natur gefallene Fladen, nicht der mit Harn vermischte Kot (Gülle) aus dem Stall. Ein weiteres starkes Argument für den Weidegang!
Über 30 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland besteht aus Grünland. Allerdings wird nur noch ein kleiner Teil des Grünlands beweidet. Die meisten Tiere stehen fast ausschließlich im Stall bzw. in Laufställen. Durch die standortangepasste Beweidung mit Rindern könnte jedoch ein Niveau der Artenvielfalt gesichert werden, das vielerorts schon verloren schien.
Fleisch ist nicht gleich Fleisch…
Eine nachhaltige Rinderhaltung bedeutet aber auch immer Fleischverzehr. Denn jede Milchkuh bekommt alle ein bis zwei Jahre ein Kalb, sonst gibt sie keine Milch. Wenn die Kälber sich nicht als Nachzucht eignen, werden sie gemästet. Wird aber im Verhältnis mehr Milch konsumiert als Fleisch, entsteht auf den Höfen ein Kälberüberschuss. „Für ein gesundes Gleichgewicht braucht es deshalb je Liter Öko-Milch mit kuhgebundener Kälberaufzucht den Verzehr von 30 Gramm Öko-Rindfleisch“ erklärt der Agraringenieur Ulrich Mück, der viele Jahre ökologische Betriebe beraten hat.
Um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen: Insgesamt muss deutlich weniger Fleisch gegessen und weniger Futter auf Flächen angebaut werden, die auch für den Anbau von Lebensmitteln geeignet sind. Daher muss auch insbesondere der Konsum von Getreidefressern wie Huhn- oder Schweinefleisch drastisch zurückgehen. Wer aber Fleisch essen will, sollte das ökologisch sinnvollere wählen: z. B. Fleisch vom Weiderind.
Klimaretter oder Klimakiller?
Tiere in großen Herden im Stall zu halten und mit Soja und Getreide zu füttern, ist ganz sicher nicht klimafreundlich. Aber die Kuh per se als klimaschädlich darzustellen, greift zu kurz. Ohne die Kuh und auch andere Wiederkäuer gäbe es viele artenreiche Kulturlandschaften wie die Almwiesen oder die Heide nicht. Um diese zu erhalten und Weiden wieder zu vielfältigen Lebensräumen für Wildtiere und -pflanzen zu machen und gleichzeitig CO 2 im Boden zu binden, brauchen wir das Naturwunder Rind!
Eine einfache Lösung: Die bodengebundene Tierhaltung, ein Grundgedanke des Ökolandbaus! Jeder Hof darf nur so viele Tiere halten, wie er von der eigenen Fläche auch ernähren kann. Das würde sofort Futterimporte z. B. aus Brasilien stoppen, die Tierzahlen senken und das Nitrat im Grundwasser deutlich reduzieren.
Aus: Jahresbrief der GLS Treuhand, Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Ausgabe 2023/2024 https://zukunftsstiftung-landwirtschaft.de/ueber-uns/aktuelles/2023/jahresbrief
Weiteres zum Thema:
Bayerischer Rundfunk: https://www.youtube.com/watch?v=6FsxyVaFGQg
Kuh pro Klima: www.kuhproklima.de
Florian Schwinn: Die Klima-Kuh https://www.youtube.com/watch?v=lC_ELryYRCU
Kuh und Klima: Kritik, Fakten und Potenzial. FIBL Focus (Podcast bei spotify)
