Zusammenarbeit mit dem Lebendigen

Für Galilei bestand die Welt aus toten Objekten, und alle dachten, diese Objekte machen die Welt aus. Die Welt sei aus Objekten dieser Art gemacht, und nicht aus lebendigen Dingen. Heute sieht die Sache aber anders aus. Dafür gibt es viele Anzeichen, Covid19 oder den Klimawandel. Es scheint, als sei die Welt vom Lebendigen bestimmt. Die Welt, die uns umgibt, die Welt der Lebewesen, ist die Grundlage unserer Welt.

von Bruno Latour

Die alte und die neue Welt

Die meisten leben in der alten Welt, in der Objekte nicht handlungsfähig sind, die durch wissenschaftliche Erkenntnisse kontrolliert und vom Produktionsprozess vereinnahmt werden können, welcher uns Überfluss und Komfort beschert.

Doch so sieht unsere Welt nicht mehr aus, diese neue Welt, in der wir endlich ankommen müssen. Viren und Bakterien sind nun die Hauptakteure. Sie haben die Welt verändert und bewohnbar gemacht, sie haben die Atmosphäre geschaffen, in der wir uns wohlfühlen, in der es Sauerstoff gibt zum Atmen. Dadurch ändert sich zwangsläufig der Aufbau der Welt: wir leben in einer lebendigen Welt, in der sich alles weiterentwickelt. Man weiß noch immer nicht, wie und warum sie sich bilden, ob sie unsere Freunde oder Feinde sind. Dabei sind wir voller Viren.

Da sind sofort die Leute, die sagen, die Welt bestehe aus Objekten, die von der Wissenschaft definiert werden. Doch das ist die Welt, die wir hinter uns lassen. Die neue Welt teilen wir mit Wesen, die seltsame Dinge tun, und schnell auf uns reagieren. Das passiert im Kleinen, wenn Viren uns angreifen, aber auch im Großen.

Wir leben nicht mehr in einer isolierten Welt

Das ist eine völlig andere Situation. Früher konnten wir relativ ruhig leben in einer Welt mit bekannten Objekten, die unseren Gesetzen folgen. Aber heute müssen wir uns anders orientieren. Die „Moderne“ sah die Welt so: auf der einen Seite das Objekt, auf der anderen Seite das Subjekt, das eher distanziert ist. Angesichts des Virus und des Klimas kann keiner mehr behaupten, dass wir als Subjekte keinen Einfluss auf die Welt hätten. Denn eine Rückkoppelungsschleife hat dazu geführt, dass die Taten der Menschen hier für andere Menschen wie auch für einen selbst zu Lebensbedingungen geführt haben, wie im Fall des Klimas, die die Erde unbewohnbar machen können, ein für alle Mal.

Wir, die Subjekte, leben nicht mehr in einer eigenen, isolierten Welt. Das Subjekt, wir als Mensch, hat nicht mehr die gleichen Handlungsmöglichkeiten, es hat nicht mehr das gleiche Vertrauen in die Objekte. Das Subjekt ist jetzt von allen möglichen Kräften umgeben, die es ständig und überall beeinflussen. Das Erstaunliche daran ist: das passiert auf der Mikroebene, wie man am Beispiel der Viren und der medizinischen Frage sieht, und auf der globalen Ebene. Wir müssen die Erde neu interpretieren. Die Lebensbedingungen, die wir hier vorfinden wie z.B. Klima, Ernährung, Temperatur, sind alle das Produkt, wenn auch ein ungewolltes, von uns Lebewesen.

Wir leben inmitten von Wesen

Deshalb interessiert man sich jetzt für das Lebendige. Man redet von Pilzen, Flechten, Mikroben. Jeder sagt sich allmählich: „Wir sind nicht mehr in der Welt der Objekte.“ Dort waren wir etwas Separates, jetzt sind wir inmitten von Wesen, die sich mit uns überschneiden, auf der Ebene des Virus wie auf der Ebene der Politik. Denn unsere eigene Existenz interagiert mit all den anderen und beeinflusst sie. Was heißt „Ökologisierung“? Es bedeutet eine enorme Kehrtwende.

Wirtschaft

Die Wirtschaft hat uns Überfluss, Freiheit und weitgehend Unabhängigkeit von den Naturkräften beschert, und sie hat zuletzt den Planeten Erde verändert und beschädigt. Bislang ging es darum, die Güterproduktion günstig und effektiv zu unserem Nutzen zu organisieren. Heute geht es darum, wie wir sie so einrichten, dass wir auf dem Planeten überleben können.

Die Weltwirtschaft ist heute in der Lage, ca. 6 Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren und große Teile der Menschheit in gesicherten Verhältnissen im Wohlstand leben zu lassen. Doch der Preis dafür ist gewaltig: unsere natürlichen Lebensgrundlagen sind angegriffen, die Meere versauern, die Artenvielfalt schwindet. Müll, giftige Rückstände, Mikroplastik, Schadstoffe im Naturkreislauf, die Böden degenerieren, Wüsten breiten sich aus, der Planet überhitzt und die Klimaveränderungen bedrohen alles Lebendige, die Pflanzen, Tieren und Menschen.

Die Menschheit, die das alles bewirkt hat, realisiert jetzt, dass sie umdenken muss. Es geht jetzt darum, die Natur nicht mehr auszubeuten, zu belasten, zu schädigen, sondern die Produktionsprozesse so zu gestalten, dass sie sich wieder erholen kann. Wir müssen mit der Natur wieder zusammenarbeiten, statt sie als Rohstofflager für unsere menschlichen Zwecke auszunutzen, denn sie hat bereits begonnen, zurückzuschlagen.

Die Menschen haben gedacht, sie könnten der Natur alles abverlangen, was sie zu ihren eigenen Zwecken wollten. Sie merken jetzt, dass sie nicht stärker als die Natur sind, dass sie nicht die Herren sind, sondern in ein gedeihliches Miteinander mit ihr eintreten müssen. Dieser Lernprozess der Menschheit hat jetzt begonnen, wir befinden uns mitten drin in diesem Umschwung.

Wir haben Freiheit erstrebt: aus der Gebundenheit, aus den Fesseln der Naturnotwendigkeit, haben wir uns befreit und Autonomie und Unabhängigkeit von den Gefahren und Beschränkungen einer bedrängenden Natur mit Missernten, Hunger, Hitze und Kälte, Krankheiten und Seuchen erreicht. Wir haben uns befreit und sind reich geworden.

Wir haben alle nicht-menschlichen Wesen missachtet. Wir haben uns erhoben aus dem Einssein in und mit der Natur und ihren Kräften, hin zu einer Herrschaft mit Gewalt. Wir haben die „Wilden“, Menschen und Tiere, vertrieben. Mit Hilfe der Technik und gepaart mit einem mechanistischen Weltbild haben wir die Erde gezwungen, uns zu Diensten zu sein. Doch die Erde schlägt zurück. Sie ist nicht tot, sie lebt.

Die Erde wieder bewohnen

Wenn wir das verstanden haben, so treten wir ein in den Kampf für den Schutz, die Bewahrung und die Zusammenarbeit mit dem Lebendigen. Einen Kampf gegen diejenigen, die die Erde und ihre Schätze und Früchte zu ihrer rücksichtslosen Freiheit, Genuss, Verbrauch, Verschmutzung, Profit oder Geldmaximierung vergewaltigen.  

Mit der Natur in Partnerschaft gehen statt sie auszubeuten und zu quälen. Mit den Tieren, den Pflanzen, dem Boden, der Luft, dem ganzen Planeten. Achtung vor den Lebensprozessen lernen, die dem Planeten, der Natur innewohnen. Erkennen, dass wir ein Teil des Lebendigen sind. Das Reich der Lebenskräfte erkunden und dort andocken, lauschen, sich mit der Erde und ihren Lebewesen aktiv, wohlwollend fühlend verbinden.

Quelle: Bruno Latour: Das terrestrische Manifest und „Im Gespräch mit Bruno Latour“ von Nicolas Truong, 2021; Zusammenstellung jk