Wie ich aktiv wurde

Als Klimaaktivistin beantworte ich viele Fragen, in gewisser Weise ist das Teil meines Jobs. Der Welt fehlen Antworten, und die Klimabewegung macht sich auf die Suche. Keine Frage wird mir so oft gestellt wie die nach dem Klick.

von Luisa Neubauer

Eine Weile lang habe ich diese Frage immer und immer wieder gewissenhaft beantwortet. Etwa so: Es war 2015, ich war neunzehn Jahre alt und durfte mit einer Jugendgruppe nach Tansania reisen. Das Ganze war ein Austauschprogramm der evangelischen Kirchengemeinde aus meinem Stadtteil, ich war endlos aufgeregt. Während unseres Aufenthaltes sollte etwas Bahnbrechendes passieren: Gemeinsam mit den Jugendlichen aus dem Dorf durften wir die bomba la maji einweihen, das ist Swahili und heißt »Wasserleitung«. Für diese Wasserleitung hatten wir in unserem Stadtteil jahrelang Spenden gesammelt, Waffeln verkauft, Flohmärkte veranstaltet. Erstmals würde das kleine Bergdorf Lupalilo einen Wasseranschluss bekommen. Die täglichen Wege zum Brunnen würden wegfallen, es würde die Frauen und Mädchen entlasten – die waren vorrangig für die Wasserbeschaffung verantwortlich –, es würde Krankheiten vorbeugen, die sonst durch verdrecktes Trinkwasser verbreitet würden. Bahnbrechend.

Das halbe Dorf begleitete uns, als wir unter der brennenden Sonne loszogen, ganz nach oben zur Wasserquelle. Auf einem kleinen Pfad stapften wir durch den Urwald einen Berg hinauf, kreuzten kleine Wasserfälle, kletterten über umgefallene Bäume und Gestrüpp. Für das Dorf würde sich mit der bomba la maji die Welt verändern, da waren wir uns sicher.

Heute reflektiert man solche Entwicklungsprojekte im postkolonialen Kontext, damals haben wir das nicht gemacht. Von der Idee bis zur Umsetzung lag alles in der Hand der Gemeinschaft vor Ort, wir steuerten lediglich das Geld bei. Mir kam das ziemlich fair vor. Wir blinzelten gegen die Sonne, als wir aus dem Wald heraustraten. Unsere Blicke suchten die Lichtung nach der Quelle ab, hier müsste sie sein. Als wir sie entdeckt hatten, versammelten wir uns in einem großen Kreis rund um das

kleine Wasserbecken, das man dort gebaut hatte, wo das Wasser aus dem Berg sprudeln sollte.

Nur – es sprudelte nicht. Alles, was ich sah, war ein kleines Rinnsal. Vorne tröpfelte es in das Wasserbecken hinein, und am anderen Ende floss es kaum sichtbar in die Rinne Richtung Dorf. Ich verstand nicht. Dieses Wasser sollte ein ganzes Dorf versorgen? Ich blickte verwirrt in die Runde.

»Siehst du das?«, fragte mich eine junge Frau aus dem Dorf und zeigte auf ein Feld, etwas weiter unten am Hang vor uns. Ich nickte. »Das war mal unser größtes Weizenfeld.« Ich nickte noch einmal. »Seit ein paar Jahren regnet es nicht mehr, nicht mehr so wie früher. Und es ist wärmer geworden. Es kommt weniger Wasser aus der Quelle. Und von dem Wasser, das kommt, müssen

wir immer mehr für die Felder nutzen. Sonst wächst der Weizen nicht.« Ich guckte die Frau an, ich guckte zur Quelle, ich guckte zum Feld. Klick.

Ich konnte es nicht fassen. Da hatte man jahrelang alles gegeben, damit eine Wasserleitung die kleine Welt von Lupalilo verändern kann. Aber die große Welt war schneller gewesen. Klick. Ich dachte an all die ehrgeizigen Projekte, die man überall in der Welt umsetzen wollte, damit

Mädchen zur Schule gehen können, damit der Hunger beendet wird, damit Menschen gesünder würden, ich dachte daran, dass so viele von diesen Vorhaben nicht mithalten würden können mit der Welt und dem Klima, das uns allen voraus war. Klick. Ich dachte daran, dass es nicht die Emissionen aus Lupalilo oder Tansania oder Afrika waren, die das Wetter und das Klima veränderten. Es waren unsere Emissionen, aus Industrienationen wie Deutschland. Klick, klick, klick. Die Sonne brannte weiterhin auf unsere Gesichter, um mich herum war eine technische Diskussion rund um die Statik des Wasserbeckens entbrannt. Einige Leute lachten laut, sie machten jetzt Gruppenfotos neben dem Wasserbecken. Ich hätte heulen können.

In seinem Buch „Landkrank“ beschreibt Nikolaj Schultz, wie die Abkehr von und die Rückkehr zur Welt, zu einer kranken Welt aussehen kann. Er beschreibt den Schmerz, er lädt ihn auf, das ist ein großer Schritt. Dazu gibt es ein Sprichwort, ich vermute, dieses hat wieder etwas Buddhistisches. Es geht so: Deine Tränen von heute sind der Regen von morgen. Biochemisch: Verdunstung. Lebensweltlich: ein Wunder in jeder Träne.

Aus: Nikolaj Schultz: Landkrank; edition suhrkamp 2024