Bauen mit Holz

Es gibt eine „Maschine“, die bereits jetzt CO2 aus der Atmosphäre entfernt, und das sogar kostenlos. Sie wird erfreulicherweise immer größer und effektiver, je länger sie arbeitet. Sie kann sich sogar selbst vermehren, und wenn sie ausgedient hat, liefern ihre Bestandteile uns wertvolle Rohstoffe. Diese Maschine heißt Baum.

Hans Joachim Schellnhuber im Gespräch mit Klaus Taschwer und Tanja Traxler

STANDARD: 2023 war das heißeste Jahr der Messgeschichte, der vergangene Jänner der heißeste Jänner, mit dem wir die 1,5-Grad-Grenze bereits erreicht haben. Wie wird es mit dem Weltklima weitergehen?

Schellnhuber: Was sich im Vorjahr klimatisch getan hat, ist bestürzend. Die öffentliche Aufmerksamkeit gilt vor allem den Extremereignissen, die aufgrund der Erderwärmung zunehmen, was hinlänglich bekannt ist. Weniger mediales Interesse finden die Anzeichen, dass sich das Klimasystem als Ganzes im Umbruch befinden könnte. Die mittlere Ozeantemperatur beispielsweise hat zuletzt einen riesigen Sprung nach oben gemacht. Wir Wissenschafter hoffen, dass es sich dabei nur um einen kurzfristigen Ausreißer handelt und das System sich wieder „beruhigt“. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass der Riese aus noch nicht recht verstandenen Gründen jetzt erwacht und wir uns gerade in ein anderes Klimaregime bewegen.

STANDARD: Sie sind unter anderem dafür berühmt geworden, dass Sie den Begriff der Kippelemente vor mehr als 20 Jahren in der Klimaforschung eingebracht haben. Wie nahe sind wir solchen womöglich irreversiblen Ereignissen?

Schellnhuber: Die Hauptbegründung für das völkerrechtliche Zwei-Grad-Ziel war, dass sich jenseits dieser Temperaturlinie Kippereignisse so sehr häufen, dass wir deren Folgen nicht mehr bewältigen können. Es ist nun zu befürchten, dass wir auch über die zwei Grad hinausschießen werden. Entscheidend wird aber sein, wie lange und wie steil sich das Überschießen vollzieht. Wenn wir die rote Linie vielleicht nur für 30 oder 50 Jahre überschreiten, dann könnte beispielsweise das beschleunigte Abschmelzen des Grönländischen Eisschilds womöglich gestoppt werden. Denn in den vielen Systemen gibt es eine Art Karenzzeit, bevor der Kippvorgang des Systems irreversibel wird. Die Frage ist also, ob wir den gereizten Riesen wieder zum Einschlafen bringen können. Das ist eine der existenziellen Fragen, die heute die Forschung umtreiben.

STANDARD: Sie haben bereits erwähnt, dass wir die Zwei-Grad-Linie nicht halten werden, danach aber – wegen der Kippelemente – möglichst bald wieder unter diese Grenze kommen sollten. Wie kann das am besten erreicht werden? Kommen wir um Methoden wie Carbon Capture and Storage (CCS), also das Abscheiden und Einlagern von CO2, das gerade auch in Österreich diskutiert wird, künftig nicht herum?

Schellnhuber: Selbst wenn wir es schaffen sollten, bis spätestens 2045 weitgehend emissionsfrei zu wirtschaften, wird das in der Tat nicht ausreichen. Das bedeutet also, dass wir CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernen müssen, was mittlerweile auch die meisten verstanden haben. Das ist eine riesige, komplexe Herausforderung, weil die entsprechenden Maßnahmen „skalierbar“, also breitenwirksam und kostengünstig sein müssen, um globale Effekte zu erzielen. Das wird bei vielen rein technischen Ansätzen zum Problem: Bei CCS beispielsweise muss man zunächst das CO2 aus dem Rauchgas herausfiltern, es dann verflüssigen und zur Endlagerung über weite Strecken – etwa bis unter die Nordsee – transportieren. Das ist ein unerhörter Aufwand, der in der benötigten Größenordnung eine neue weltweite Infrastruktur benötigt. Unter dem Strich ist das sündteuer und allerbestenfalls klimaneutral, aber keinesfalls klimapositiv. Und das gilt für die meisten technischen Lösungen, die heute angepriesen werden.

STANDARD: Aber was bleibt uns dann? Die Hoffnung auf eine technische Lösung, die wir heute noch nicht kennen?

Bäume sind in der Lage, CO2 nicht nur aus der Atmosphäre zu entfernen, sondern sie auch langfristig – etwa als Baumaterial – zu speichern

Schellnhuber: Nun, es gibt eine „Maschine“, die bereits jetzt CO2 aus der Atmosphäre entfernt, und das sogar kostenlos. Sie wird erfreulicherweise immer größer und effektiver, je länger sie arbeitet. Sie kann sich sogar selbst vermehren, und wenn sie ausgedient hat, liefern ihre Bestandteile uns wertvolle Rohstoffe. Diese Maschine heißt Baum, und das zugrunde liegende Naturwunder heißt Photosynthese. Wenn ich Bäume nicht als Pellets verbrenne, sondern zu Nutzholz verarbeite, dann habe ich sogar einen künstlich verlängerten CO2-Speichereffekt von etlichen Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten. Indem wir also Gebäude aus Holz oder auch Bambus errichten, können wir nicht nur unsere gebaute Umwelt schöner, gesünder und inklusiver gestalten, sondern gleichzeitig die Atmosphäre von historischen CO2-Emissionen reinigen. Ich halte eine solche Verbindung von Forstwirtschaft und Bauwesen für den Königsweg, um das Klima in Zukunft nicht nur zu stabilisieren, sondern in gewissem Umfang sogar zu reparieren! In meinem Leben hatte ich ein paar Ideen – das ist vielleicht die beste von allen.

STANDARD: Wie kann das im Detail funktionieren?

Schellnhuber: Lassen Sie uns das im Kleinen am Beispiel eines durchschnittlichen Einfamilienhauses durchrechnen. Dieses besteht aus etwa 100 Tonnen Stahlbeton. Allein bei der Produktion der verwendeten Materialien werden also grob 100 Tonnen CO2 frei. Die Zementproduktion ist, was kaum jemand weiß, für rund acht Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Das ist dreimal so viel wie der ganze Flugverkehr. Wenn ich aber ein Haus aus Holz baue, dann vermeide ich nicht nur 100 Tonnen CO2, sondern ich entferne zusätzlich 100 Tonnen langfristig aus der Atmosphäre. Und 100 plus 100 macht 200 – ein schönes Ergebnis.

STANDARD: Haben wir dafür genügend Holz, wenn man das global hochskaliert? Und wie ist das mit dem Zeitrahmen? Bäume brauchen doch relativ viel Zeit zum Wachsen.

Schellnhuber: Zum Teil gibt es dazu bereits belastbare Studien, aber einiges müssen wir sicher noch erforschen. Und natürlich ist das ein Projekt mit längerer Laufzeit, das nicht auf das 21. Jahrhundert begrenzt sein wird. Was uns allerdings – ironischerweise – in die Hände spielt: Wir stoßen gerade ungewollt ein Klimasystem an, das wärmer, feuchter und CO2-reicher sein wird. Und das sind genau die Verhältnisse, die vor 300 Millionen Jahren im Karbonzeitalter herrschten, als die Erde von starker Vegetation bedeckt war. Wir bewegen uns also auf günstigere Waldbedingungen zu. Die entscheidende Frage ist deshalb, ob wir Forstwesen mit dem Bauwesen – und mit unserer Wirtschaft ganz allgemein – noch stärker kombinieren können. Das war im Übrigen auch einer der Gründe, warum ich ans IIASA gegangen bin: Ich will hier den ernsthaften Versuch unternehmen, diesen möglichen Königsweg zur Klimarestaurierung zu verfolgen. Hier in Laxenburg hat man nämlich alle nötigen Fachexpertisen über Ökosysteme, Wasserverfügbarkeit, Böden, Stadtentwicklung und natürlich Systemanalyse an einem Institut beisammen.

Der Standard (Österreich), 14. Februar 2024