Service statt Müll

Wenn Unternehmen und Kunden sich die Verantwortung für die Materialien teilen, ändern sich auch die Eigentumsverhältnisse. Statt sie zu verbrauchen und zu vernichten werden die kostbaren Stoffe pfleglich behandelt.

von Sabine Oberhuber, Thomas Rau und Gerald Häfner

Wie gehen wir mit der Erde um, mit all dem, was wir vorfinden und was wir normalerweise so nutzen, bis es am Ende als Abfall irgendwo auf der Müllhalde landet? Ohne Material können wir als Menschheit unser Leben nicht gestalten. Alle Rohstoffe sind endlich. Und doch ist ein Riesenmissverständnis, dass es eine Rohstoffknappheit gibt.

Das organisierte Problem

Seit dem Jahr 1908 produzierten Philips, Osram und die gesamte Glühlichtindustrie Lampen, die teilweise heute noch brennen. Als sie realisierten, dass ihre Produkte so langlebig waren, gründeten sie 1924 das sogenannte Phoebuskartell, mit dem Ziel, ihre Umsätze und Gewinne langfristig zu sichern. Dafür war es nötig, den Kunden statt einer Lösung ein Problem zu verkaufen. Sie verabredeten, dass jede Glühlampe nach 1000 Stunden kaputt gehen müsse, damit der Kunde wieder zurückkommt. Es wurde ein Bußgeldkatalog erstellt, über Diagramme mussten die beteiligten Firmen dokumentieren, wie sie ihre Brenndauer reduzieren und sich dafür rechtfertigen, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Jedes Produkt war jetzt ein organisiertes Problem. Neu hieß nun: noch nicht kaputt.

Die Macht liegt bei dem Produzenten, der organisiert das Problem. Der Kunde ist an der Leistung interessiert, aber dafür muss er Eigentümer des Produktes werden, und ungefragt übernimmt er die Verantwortung für all die organisierten Probleme. Dann gehen die Dinger kaputt, und er weiß nicht, was er damit machen soll. Also muss er die nächste kaufen und die alte wegschmeißen.

Licht als Service

Doch es geht auch anders, z. B. in der Lounge des Flughafen Amsterdam. Die hat normalerweise einen Zyklus von 15 Jahren, dann wird alles neu gemacht. Und sie braucht Licht, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 15 Jahre lang, das macht 125 000 Brennstunden für eine Lampe. Diese Lampe gibt es eigentlich nicht, das ist ja das alte Geschäftsmodell.

Das wurde jetzt in der Form geändert, dass die Firma Philips keine Lampen verkaufen, sondern Licht liefern soll. Licht als Service, die Verantwortung für die Lampe soll beim Hersteller bleiben. Nach drei Monaten brachten sie eine Lampe, die 125 000 Stunden hielt. Sie hatten all die Parameter optimiert, weil sie wussten, dass das Ding irgendwann wieder an sie zurückkommt, und dass sie die Verantwortung dafür haben. Sie müssen es beim neuen Kunden einbauen oder die Rohstoffe wiederverwenden oder wie auch immer. Das ist das Faszinierende: sobald die Verantwortung zurückkommt, werden auch all die Parameter, die Lebensdauer anders.

Die Verantwortung zurückgeben

Eigentlich weiß jeder, was die eigentliche Aufgabe wäre. Doch sie wird nicht erfüllt, weil sich die Notwendigkeit von Profit und Konkurrenz wie eine Wand dazwischenschiebt. Es schieben sich Ziele dazwischen, die dafür sorgen, dass das, was gut wäre für den andern Menschen und für die Erde, den eigenen Profit schmälern würde. Damit sind wir an einem Punkt, der für 90% von dem, was auf dem Planeten schiefläuft, verantwortlich erscheint.

Wir haben ein System gebaut, in dem Menschen verantwortlich sind für kurzfristige Profite. Und um in ihrem professionellen Kontext zu bestehen, müssen sie solche Entscheidungen treffen. Bei den meisten Geschäftsmodellen verdient man eigentlich Geld auf Kosten von irgendwem und allen. Es geht aber um ein Geschäftsmodell, mit dem man Geld verdient – Geld verdienen ist ja nichts Schlimmes – zugunsten von jedem und allen.

Das neue Wirtschaftsmodell

Wenn man Macht und Verantwortung an demselben Punkt organisiert, dann entstehen eben auch neue Geschäftsmodelle. Wenn das Moralische über die finanzielle Achse in die Welt gebracht wird, dann kann das System verändert werden. So dass nicht mehr mit der Ausbeutung und Zerstörung Geld verdient wird, sondern damit, dass ein Problem gelöst wird, also dass z.B. Licht da ist. Wir müssen das Moralische und das Finanzielle zur Deckung bringen. Macht und Verantwortung gehören zusammen in die Hand des Produzenten. Er ist verantwortlich dafür, dass das Licht brennt. 

Das Produkt ist der Service. Der Einzelne wird nicht mehr Eigentümer von etwas, sondern bekommt den Service, den Nutzen. Der Hersteller ist verantwortlich für die Art und Weise, wie er mit dem Material umgeht. Er weiß, was auch immer er mit dem Material schafft, dass er irgendwann das Zeug zurückbekommt. Bisher lief es so: etwas wird produziert, an den Nächsten weitergereicht, der erhöht den Wert, verkauft es dem Nächsten, bis es zum Konsumenten kommt, der kein Nutzer ist, sondern Verbraucher. Der hat keinen mehr in der Kette, an den er das Produkt gewinnbringend weitergeben kann. Da kommt die Müllverbrennungsanlage ins Spiel, also das Ende: das ist keine Wertschöpfungskette, sondern eine Wertvernichtungskette.

Das Denken über die gesamte Wertschöpfungskette und den ganzen Lebenszyklus

Was wir in der Vorwärtsrichtung denken, denken wir jetzt auch in der Rückwärtsrichtung. Wenn ich also den Staubsauger nicht mehr brauche, dann gebe ich ihn zum Materialwert wieder zurück. Die Wertschöpfungskette wird mit der Werterhaltungskette verbunden, d.h. auf ihrer Vorwärtsreise wird der Wert geschaffen, und auf der Rückreise wird der Wert erhalten in der Erwartung desjenigen, der den Wert wieder schafft.

Der klassische Eigentumsbegriff funktioniert folgendermaßen: ich nehme anderen etwas weg, kann damit machen, was ich will, und am Schluss werfe ich es weg und es landet dann irgendwo in der Allgemeinheit. Zum Beispiel kann ich mir einen Liter Pflanzenschutzmittel besorgen und bringe den irgendwo in den Boden ein. Es kostet 400 000€, das wieder aus dem Wasser herauszufiltern, die Kosten trägt die Gemeinschaft. Ich hatte meinen Nutzen davon, und der Rest interessiert mich nicht. Aber eigentlich leihe ich es ja nur, und ich muss es gut pflegen und es wieder zurückgeben, damit der Nächste etwas davon hat.

Das neue Bild sieht so aus: eigentlich besitze ich das Ding gar nicht, ich leihe es mir, und ich muss es gut weitergeben, damit der Nächste und der Übernächste es wieder gut verwenden und es am Ende zur Erde zurückgehen kann. Wie macht man das konkret? Im Augenblick sind im Hausbau alle möglichen Stoffe so verbaut, dass es gar nicht anders geht als sie wegzuwerfen, weil man die Stoffe nicht in wiederverwendbarer Form entnehmen kann.

Aktuell gibt es bereits eine Ausschreibung in Berlin für die Heinrich-Böll-Stiftung, in der man ein Gebäude haben will, das am Ende wieder vollständig zerlegbar sein soll. In der Vorwärtsrichtung muss man dafür so denken, dass die Materialien, die man einsetzen will, hinterher wieder komplett voneinander gelöst werden können. Holz ist derzeit deswegen als Baustoff gut dafür geeignet, weil man das damit aktuell gut machen kann. In der Zukunft wird es sicher andere Materialien dafür geben können.

Die Triodosbank in den Niederlanden z.B. ist völlig rückbaubar entworfen. Es ist das erste Bürogebäude der Welt, das man wieder ganz auseinanderschrauben kann, es besteht aus lediglich 5 Komponenten. Ein Produkt von heute will in 40 Jahren keiner mehr haben, Fenster mit Einfachverglasung zum Beispiel braucht heute niemand mehr. Der Produktwert nimmt also mit der Zeit ab, der Komponentenwert dagegen wird ungefähr gleichbleiben. Der Materialwert aber wird steigen, weil die Erde als ein geschlossenes System nur über ein begrenztes Materialvorkommen verfügt, alle nicht-wachsenden Materialien sind limitiert. 2060 werden wir 40% mehr Gebäude als heute haben, aber mit demselben Materialvorrat. Daraus kann man schon mal sehen, dass die Materialien teurer werden.

Man fängt an zu verstehen: Rohstoffe sind knapp und darauf müssen wir Antworten finden. In der Wirtschaft ist angekommen, dass das ein Thema ist. Die ganze Kette ist momentan so eingerichtet, dass wir in Afrika etwas holen, in China das Produkt fertigen lassen, das wir in Europa nutzen. Und ehe wir uns versehen, landet es wieder in Afrika auf der Müllhalde und verseucht da die Umwelt. Das ist ein Wahnsinn, den wir da kreiert haben.

Aus: Goetheanum-TV vom 2.12.2022: „Material matters – die Erde verantwortungsvoll nutzen“; Sabine Oberhuber und Thomas Rau im Gespräch mit Gerald Häfner; Zusammenstellung jk