Die Natur schlägt zurück

Philipp Blom im TV-Gespräch

Für mich ist das, was vielleicht am Wichtigsten gewesen sein wird an diesem Jahr 2020: alle Menschen, die vorher diesen wahnsinnigen globalen Hyper-Kapitalismus kritisiert haben, haben zu hören bekommen, ja das ist zwar schrecklich, was mit den Regenwäldern passiert, es ist alles sehr traurig, aber wir können den globalen Kapitalismus nicht anhalten, das geht nicht, das ist unmöglich. Und dann ist es passiert, innerhalb von wenigen Tagen ist dieses System zwar nicht zum Stillstand gebracht, aber doch radikal verlangsamt worden. Wir haben gelernt, dass wir als Gesellschaft Entscheidungen treffen können, dass es auch anders geht.

Pandemien

Leider ist diese Pandemie wahrscheinlich nicht die einzige, die wir erleben werden, und es ist nicht die einzige sehr schwere Situation, die unsere Gesellschaften in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erleben werden. Ich hoffe, wir reagieren klug auf dieses Trauma. Das heißt zuerst einmal darauf zu sehen, dass diese Pandemie nicht ein einzigartiges Ereignis ist, sondern eine Konsequenz desselben Phänomens wie die Klimakatastrophe. Nämlich die Tatsache, dass wir immer tiefer in die Natur, immer tiefer in die natürlichen Zusammenhänge eingreifen, immer stärker natürliche Systeme verändern, und das fällt auf uns zurück, einfach weil diese Systeme jetzt anders funktionieren. Wir werden mehr zoontische Viren abbekommen, weil es so viele Wildmärkte gibt und wir so tief in die Habitats hineingehen, dass wir da Viren begegnen, denen wir vorher nicht begegnet sind.

Klug daraus zu lernen wäre, nicht die Wirtschaft wieder hochzufahren, sondern zu sagen, wir kommen aus einem System, das die Welt und vielleicht auch uns enorm beschädigt hat, das aber auch zweifellos riesige Qualitäten hatte. Vielleicht ist dies die Möglichkeit, dieses System auf den Prüfstand zu stellen und Dinge anders zu machen, intelligent, damit sie zukunftsweisend sind.

Trennung von der Natur

Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Lehre, die auch über die Politik hinausweist: wir haben uns, gerade im Westen, sehr stark konstituiert durch die Trennung von Natur und Kultur, aber auch von Mensch und dem Rest der Natur. Wir glauben eigentlich instinktiv, wir stehen über der Natur, wir sind etwas anderes. Wir sehen uns als etwas, was draußen steht. Wir haben ein Verhältnis zur Natur, das rein extrahierend ist, wir nehmen uns raus, was wir wollen, und dann finden wir sie vielleicht schön, dann finden wir die Alpen vielleicht erhaben, aber wir haben eigentlich kein tieferes, instinktiveres Verhältnis zur Natur.

Und es ist ganz seltsam, dass die Wissenschaft uns immer mehr zeigt, dass unser ganzes Begreifen des Kosmos eigentlich nur durch unsere Sinne bestimmt ist, die Tatsache, dass wir einen winzigen Ausschnitt des Erfahrbaren sehen. Und wir glauben, das ist die Welt, und die Welt ist offensichtlich für uns gemacht, sonst wäre das alles so gar nicht da. Aber dieser Mensch als ein nach außen abgeschlossenes Wesen, diese Vision wird im Moment von der Wissenschaft völlig zerstört. Wir wissen, dass wir viel mehr nicht-menschliche Zellen in und an uns haben als menschliche Zellen, viel mehr nicht-menschliche DNA, wir wissen, dass unsere eigene DNA zum Teil aus Viren kommt. Wir lernen, dass dieses Mikrobiom aus Bakterien und Bazillen, die in uns sind, nicht nur unserer Verdauung helfen, sondern dass sie unsere Intelligenz, unsere Gestimmtheit mitbestimmen, mitbestimmen, ob wir Allergiker sind oder ob wir autistisch werden, ob wir Parkinson oder Alzheimer haben.

Dass dieser unbekannte Kontinent in uns, von dem die Wissenschaft, sicherlich nicht die Medizin, vor 30 Jahren gesprochen hat (da gab es so eine Darmflora), dass dieses Mikrobiom eigentlich uns völlig konstituiert in jedem unserer Aspekte. Wir lernen, dass wir viel mehr Teil der Natur sind, als wir das eigentlich glaubten, und es ist wahnsinnig spannend, das zu sehen, aber das heißt auch, dass ein Menschenbild, das uns sehr lange getragen hat, jetzt gerade zusammenbricht.

Wachstum

Können wir es schaffen, unseren Stoffwechsel zu verändern, bevor die Katastrophe passiert?

Man muss kein Nobelpreisträger sein um zu verstehen, dass man in einem endlichen System kein endloses Wachstum haben kann, und wenn dieses Wachstum immer mehr die natürlichen Systeme, auf die es aufbaut, zerrüttet und unterminiert, dann zerrüttet dieses Wachstum sich selbst.

Wir merken, diese Idee des Menschen als Krone der Schöpfung kann für uns nicht mehr funktionieren, weil wir inzwischen zu mächtig geworden sind. Zu mächtig geworden mit dem Gebrauch von Kohle und Erdöl, der uns erlaubt hat, die Produktion von menschlicher Muskelkraft abzukoppeln. D.h. es ist nicht mehr menschliche Arbeit, es ist Maschinenarbeit, und die ist viel schneller als wir, und dadurch wurden wir viel reicher, viel technologisch mächtiger. Und da wurde dieser Ansatz zum Problem, weil jetzt auf einmal die Konsequenzen von dem, was wir tun, die Verschmutzung der Ozeane, die Abholzung der Regenwälder, das Verschwinden des Polareises, so radikal geworden sind. Davor war das noch nicht so ein Problem.

Macht Euch die Erde untertan

Die Lutherbibel (nicht das hebräische Original) ist da ganz klar: „Macht Euch die Erde untertan.“ Dieser Ansatz, der dann in der Aufklärung zur wissenschaftlichen, technologischen Naturbeherrschung wird, der wird dann zur heutigen Ökonomie, so wie man Ökonomie im 20. Jahrhundert gedacht hat. Da geht es um Kapitalströme, um Produkte, um Maschinen, um Produktionsmethoden, es geht nie darum, ob wir auch saubere Luft, sauberes Wasser haben, oder ob die Biodiversität so gut ist, dass wir dort überhaupt leben können. Das sind Externalitäten, die gehören der Rechnung nicht an. Das ist faszinierend: wir sind immer noch draußen, wir gehören immer noch nicht dazu.

Es geht nicht um ein Zurück-auf-die-Bäume. Wir brauchen die allerbesten Ingenieure, die allerbesten Wissenschaftler, um überhaupt noch etwas zu schaffen.

Es geht immer um eine Metapher, wie wir die Welt sehen, und die damalige Metapher hatte etwas verstanden: dass wir dazugehören, dass wir nicht besonders wichtig sind. Die Mythologie hatte verstanden, dass wir diese verstrickte Lebensweise mit der Natur haben. Wenn wir diese fundamentale Einsicht in wissenschaftlichem Vokabular ausdrücken können, dann wird das auf einmal etwas sehr Interessantes.

Rechte der Natur

Man kann wie z.B. jetzt in Neuseeland einem Fluss, einem Wald Rechte geben: das ist eine ganz konsequente Entwicklung. Das erleben wir jetzt, das ist spannend, da wird dieser Umbruch auf einmal sichtbar. Mit welchem Recht pferchen wir Tiere in Tierfabriken ein? Wie ist es mit dem Recht eines Ökosystems, weiter funktionieren zu können? Wie ist es mit dem Recht noch ungeborener Generationen, selber Ressourcen zum Leben zu haben?

Lernen durch Covid

Die Einsicht, unter diesen Umständen müssen wir einfach etwas tun, diese Einsicht ist uns durch Covid ein bisschen näher gerückt. Da war Covid sicher etwas Gutes, denn die Klimaveränderung – für viele Menschen im reichen Europa sind das nicht wahnsinnig unangenehme Effekte. Doch wir lernen nicht durch Argumente, wir lernen durch existentielle Erfahrungen. Covid ist das erste Mal, dass wir gezwungen wurden, zu Hause zu bleiben, unser Leben einzuschränken und zu verändern, weil hier eine Naturkatastrophe stattfindet. Dieser blöde kleine Virus, der so eine primitive Lebensform ist, der hat die progressivsten, größten Wirtschaftsräume der Welt lahmgelegt innerhalb von kürzester Zeit. Ich kann nur hoffen, dass Menschen begreifen und fühlen: ich steh da nicht draußen. Was da passiert, das betrifft mich direkt. Man muss auch begreifen, es gibt keine lokalen Probleme mehr. Was mit dem brasilianischen Regenwald, mit dem Eis der Arktis geschieht, das betrifft das Klima bei uns. Sobald wir anfangen, das am eigenen Leib zu erfahren, das wirklich zu fühlen, da beginnt die Chance, dass sich etwas verändert.

Verschwörungstheorien

Für die Veränderung brauchen wir einen Schock, der wird kommen, und wir brauchen eine positive Gegenerzählung. Die große Frage ist, was tun wir mit diesem Schock. Ziehen wir uns zurück in Diktaturen und sagen, das Problem sind die Braunhäutigen, die Rothaarigen, die Brillenträger, wer auch immer dann gerade zur Verfügung steht, die Juden, wie sie jetzt auch in vielen Verschwörungstheorien da sind, oder schaffen wir es tatsächlich, dem eine neue Geschichte entgegenzusetzen, die Geschichte der Hoffnung, die nur so aussehen kann, dass wir unseren Platz in diesem immensen System finden, das wir noch nicht verstehen. Versuchen wir es nicht mehr auf Weisen zu ändern, die eine Kaskade von Konsequenzen lostreten, die uns vielleicht unter sich begraben.

Vision

Das könnten bessere Gesellschaften werden, weniger kompetitive, aber nicht weniger offene Gesellschaften. Wenn wir das schaffen, unsere Wirtschaft so umzubauen, das wäre das Ziel. Wir haben die Möglichkeit, der alten Erzählung eine neue entgegenzusetzen, die einerseits besser harmoniert mit dem, was wir inzwischen von der Natur begriffen haben, wie sie funktioniert, nicht nach den Ideen der Bibel oder der alten Griechen oder der Renaissance, sondern nach den Ideen wesentlich modernerer Erkenntnisse. Und wir können eigentlich sehen, ob wir nicht humanere Gesellschaften konstruieren können.

Die größte Gefahr ist ja immer zu denken, so wie wir leben, ist es normal und deswegen notwendig. Nein, so wie wir jetzt leben, ist überhaupt nicht normal, ist eine absolute Ausnahme in der Menschheitsgeschichte, es ist auch gar nicht notwendig, und es ist vielleicht auch gar nicht gut.

Was haben wir in der Covid-Krise vermisst? Dass wir Berührung brauchen, und von Menschen umgeben zu sein. Warum interessiert uns das überhaupt als rationaler Mensch? Weil wir das als Primat brauchen, körperliche Berührung mit anderen. Weil wir nicht dafür gebaut sind, rationale Bedürfnisse zu erfüllen und im ökonomischen Wettbewerb mit anderen Individuen zu bestehen. Das sind wir nicht, das ist eine völlig kontra-faktische Vision vom Menschen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns unserem Platz in der Natur mehr anzunähern und diesen Platz kreativer zu gestalten.

SRF Kultur, 11. 1. 2021