Das Bruderkalb: Ein Beitrag zur Lösung des Milchmarktdilemmas

von Jochen Ketels

Wer Butter, Käse, Milch und Joghurt zu sich nehmen möchte, sollte sich klarmachen, dass Kühe nur dann Milch geben, wenn sie jedes Jahr ein Kalb bekommen. Davon ist aber jedes zweite im Sinne der Milchwirtschaft ein nutzloses männliches Tier. Diese werden sofort nach der Geburt unter Trennungsschmerzen von ihrer Mutter separiert, müssen die Milch aus Eimern trinken und werden dann nach einem qualvollen Transport oftmals durch ganz Europa zu Kalbfleisch verarbeitet. Manche Biobetriebe wollen diese Praxis jetzt mit der „kuhgebundenen Aufzucht“ ändern.

„Demeter- und Bioland Bäuer:innen aus Baden-Württemberg gehen mit gemeinsamen Milchstandards für die kuhgebundene Aufzucht ihrer männlichen und weiblichen Kälber voran. Sie sagen: Wir wollen mit sinnvollen Standards weiter voranschreiten und zeigen, dass Biolandwirtschaft Lösungen für Probleme anbietet, vor denen die gesamte Landwirtschaft steht.“

„Die Demeter-Heumilch-Bauern mit dem ,Zeit-zu-zweit für Kuh+Kalb´-Siegel und die Bruderkalb-Initiative aus Hohenlohe setzen sich für die wesensgemäße Aufzucht von Kälbern auf ihren Geburtshöfen ein. Sie haben gemeinsame Mindeststandards für den Umgang mit Kälbern auf Milchviehbetrieben formuliert. Die dienen als Orientierung für Betriebe, die Kälber als ,Bruderkälber´, ,Kälber aus kuhgebundener Aufzucht´ oder ähnlich vermarkten. Zu den Standards gehören etwa die Bio-Zertifizierung des Betriebs, die Versorgung aller Kälber auf einem Betrieb mit der Milch dort gehaltener Kühe, gemeinsame Zeit von Kühen und Kälbern, Saug-Möglichkeiten von Kälbern an Kuheutern, ein Mindestverbleib der Kälber auf dem Hof von drei Monaten sowie Umstellungsmöglichkeiten für die Betriebe“ (1).

„Wenn Kälber gemeinsam mit Müttern oder Ammen gehalten werden, kann das nicht nur einen ethischen Konflikt lösen, sondern auch ein Problem des Milchmarktes: ,Weil Kälber bei der Kuh saugen dürfen, reduziert das die vermarktungsfähige Milchmenge und entlastet so den übersättigten Milchmarkt´, unterstreicht Demeter-Landwirt Rolf Holzapfel, Mitbegründer der Erzeugergemeinschaft Demeter Heumilch-Bauern und engagiert in der IG Kuh und Kalb. ,Die kuhgebundene Kälberhaltung ermöglicht zudem, dass die Bruderkälber auf den Höfen verbleiben und als hochwertiges Bruderkalbfleisch vermarktet werden können´, beschreibt er weitere Chancen für diesen Ansatz, bei dem Milch, Kuh und (Bruder-)Kalb gemeinsam betrachtet werden. In der IG Kalb und Kuh haben sich vor allem im Süden Deutschlands Öko-Höfe der Anbauverbände Demeter, Bioland, Naturland, Biokreis Ostbayern und Gäa zusammengefunden. Für sie steht fest: Es darf einfach nicht sein, dass Kälber nichts wert sind und dass Transport und Schlachtung bei einer eher anonymen Abgabe nicht transparent werden.“

„Verbraucher:innen entscheiden mit darüber, indem sie beim Fleischkauf nachfragen und Produkte aus der gemeinsamen Aufzucht von männlichen und weiblichen Kälbern auf den Bio-Betrieben als ,sinnvolle Spezialitäten´ bevorzugen.“ (2)

Siegel für Bruderkälber, Kälber aus kuhgebundener Aufzucht:

https://utopia.de/siegel/zeit-zu-zweit-siegel-milch/

Erste Vermarktungswege für (Bruder-)Kalbfleisch

Baden-Württemberg:       Hof Hohenlohe         https://bruderkalb.wordpress.com/

Brandenburg und Berlin:  Hof Stolze Kuh         https://stolzekuh.de/

Sachsen-Anhalt:                 Mein Bio-Rind         https://www.meinbiorind.de/

Schleswig-Holstein:           Hof Klostersee         https://klostersee.org/

Seit 2020 beginnt auch die Handelskette Kaufland in einigen Filialen in Baden-Württemberg mit der Vermarktung von Fleisch der Initiative Bruderkalb vom Hof Hohenlohe.   Info3, 7-8/2021, S. 28

(1)  (2)  Info3, 7-8/2021, S. 28 und 29