Die Große Transformation

von Jochen Ketels (mit Uwe Schneidewind)

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befindet sich die Menschheit in einem Epochenumbruch. Durch ihre ökonomischen Aktivitäten ist sie erstmalig in der Menschheitsgeschichte in der Lage, globale geoökologische Prozesse selbst zu beeinflussen. Aktuell droht sie dabei eine Reihe von planetaren Grenzen zu überschreiten, deren Einhaltung eine zentrale Grundlage für die menschliche Entwicklung in der bisherigen Erdgeschichtsphase waren. Der menschlich beeinflusste Klimawandel, die Übersäuerung der Ozeane, der massive Abbau der Biodiversität oder das flächendeckende Einbringen von Kunststoffen und anderen Chemikalien in die Ökosysteme sind Ausdruck der naturzerstörenden Produktions- und Lebensformen der Menschheit. Aus dieser Wirkmacht leitet sich eine neue Dimension der Verantwortung im Umgang mit den planetaren Grenzen ab. Die Diskussion über den Klimawandel und eine nachhaltige Entwicklung spiegeln den Umgang mit dieser Verantwortung.“ (S. 23)

Das Bewusstsein für diese Zusammenhänge ist nur langsam gewachsen. Angefangen in den 60er Jahren (Rahel Carson: Der stumme Frühling), entstanden in den 70er Jahren der erste Club-of-Rome-Bericht über die Grenzen des Wachstums (1972), die Bewegungen für Ökologie und Umweltschutz, die Grünen Parteien, der Beginn der Entwicklung der Erneuerbaren Energien und erste technische Maßnahmen für Luft- und Gewässerschutz. 1992 markierte der ´Erdgipfel´ von Rio den Beginn einer internationalen Kooperation. Institutionell schlugen sich diese Neuerungen im öffentlichen Bewusstsein in der Wissenschaft und Politik in Deutschland in der Gründung von Umweltministerien und zahlloser Forschungsinstitute nieder, u.a. in der Gründung des ´Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie´ im Jahr 1991, des ´Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen´ (WBGU) oder des ´Potsdam Institut für Klimafolgenforschung´ 1992.

Auf der Ebene der Vereinten Nationen gründete sich 1988 der Weltklimarat (IPCC), seit der Rio-Konferenz 1992 prägte sich der Begriff der Nachhaltigkeit immer stärker ein. 1997 wurde das Kyoto-Protokoll für Klimaschutz beschlossen, es trat 2005 in Kraft.

2011 veröffentlichte der WBGU seinen Bericht „Welt im Wandel“ und führt hier erstmals das Konzept der „Großen Transformation ein“, mit dem versucht wird, den menschheitlichen Epochenumbruch, vor dem wir stehen, begrifflich zu fassen. Die auf der Rio+20-Konferenz im Jahr 2012 beschlossenen 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung traten 2015 in Kraft. Hier werden zum ersten Mal die ökologischen mit den humanen Entwicklungszielen zusammengeführt und gemeinsam beschrieben. Das veraltete Konzept von den ´Entwickelten Industrieländern´ einerseits und den noch zu entwickelnden ´Entwicklungsländern´ andererseits wird hier abgelöst zu Gunsten des Zieles einer ökologischen und humanen Veränderung und Weiterentwicklung aller Weltregionen. Das hier ausformulierte Konzept der nachhaltigen Entwicklung wird als systematische Erweiterung der Idee der Menschenrechte angesehen, „indem es allen Menschen auf diesem Planeten sowie auch den zukünftigen Generationen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen möchte. Es beschreibt ein wachsendes Verständnis des Respekts gegenüber anderen Menschen, global und intergenerationell.“ (S. 26)

Schließlich scheint im Jahr 2019 der Funke des Bewusstseins einer außerordentlich großen Veränderung von ersten Pionierinnen, Vorkämpfern und Wissenschaftlerinnen auf eine  globale zivilgesellschaftliche Bewegung übergesprungen zu sein, die das Potential hat, wesentliche Veränderungsschritte anzustoßen.

Doch obwohl die Menschheit faktisch über die wichtigsten Lösungsbausteine zum Umgang mit den skizzierten Herausforderungen verfügt, „verlaufen die globalen Entwicklungsprozesse weiterhin mehr als schleppend. Nicht nur von der Einhaltung der klimatisch notwenigen CO2-Ziele ist man weit entfernt. Selbst der Umbau zu einer regenerativen Stromversorgung passiert in den meisten Ländern nur zögerlich: die Beharrungskräfte und die Bedeutung fossiler Energieträger sind auch in diesem Sektor weiter stark. Die Einführung einer CO2-freien Mobilität steht erst ganz am Anfang. In den Ernährungsmustern diffundiert der fleisch- und damit CO2-intensive Ernährungsstil der westlichen Industriestaaten in die neuen Mittelschichten vor allem (Süd-)Ostasiens. Die Kreislaufquoten in den meisten Branchen- und Produktsegmenten sind äußerst gering.“ (S. 24)

Das kulturelle Projekt

„Im Kern handelt es sich bei der Idee Nachhaltiger Entwicklung um ein kulturelles Projekt. Nachhaltige Entwicklung beschreibt einen weiteren Schritt in der Entwicklung menschlicher Zivilisation hin zu einer Welt, in der die Würde und die Entfaltungsmöglichkeit von Menschen überall auf dieser Welt heute und in Zukunft Kompass für gesellschaftliches, politisches und ökonomisches Handeln sind.“ (S. 23)

Moralische Revolution

 „Dabei ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass es sich bei den aktuellen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen um eine moralische Revolution handelt. Das heißt: Bei den aktuellen Veränderungen geht es nicht einfach nur um einen Erkenntnisprozess, sondern um eine fundamentale Erweiterung und institutionelle Verankerung eines neuen Wertegefüges in der Weltgemeinschaft und darauf basierend um eine Veränderung des moralischen Verhaltens. Hinter der Idee einer Nachhaltigen Entwicklung steckt ein umfassendes Zivilisationsprojekt.

Um zu verstehen, wie solche fundamentalen Zivilisationsprojekte verlaufen, hilft ein historischer Blick, denn es ist nicht das erste Mal in der Geschichte , dass die Menschheit solche moralischen Revolutionen durchläuft: Die Einführung der Demokratie, die Abschaffung der Sklaverei oder die Einführung des Frauenwahlrechts sind Ausdruck für die Durchsetzung erweiterter Zivilisationsstandards – getragen von einem Humanismus, wie er sich am prominentesten in der UN-Menschenrechtscharta manifestiert.

Das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung liegt genau auf dieser zivilisatorischen Entwicklungslinie: es ist eine systematische Erweiterung der Idee der Menschenrechte, indem sie allen Menschen auf diesem Planeten sowie auch zukünftigen Generationen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen möchte.“  (S. 25)

Der Philosoph Kwame Anthony Appiah hat bei historischen Umwälzungen in der kollektiven Einstellung von Menschen verschiedene Stadien beschrieben…   In dieser Phase geht es darum, „moralische Intuitionen“ in ein ethisches Regelsystem zu übersetzen, durch innovative Lösungen und Institutionalisierungen einen zivilisatorischen Sprung zu realisieren. Doch Ausgangspunkt dafür bleiben grundlegende Umbrüche im Denken und Empfinden ausreichend vieler Menschen. (S. 30)

Das Konzept der Realität moralischer Revolutionen zeigt, dass „auf lange Sicht das tieferreichende humanistische Argument eine unglaubliche Kraft hat“ (U. Schneidewind im Interview mit Info3, Januar 2020, S. 29)

Die Kraft der Ideen steht am Ausgangspunkt von Entwicklung und Veränderung. Doch trotz gewisser Erfolge stagniert die politische Umsetzung, gegenüber den moralisch hochstehenden Prinzipien der Nachhaltigen Entwicklung werden andere politische Anliegen bevorzugt. Idealismus erscheint für eine Große Transformation nicht ausreichend.

„Zivilisiert werden wir nicht alleine aus einer inneren idealistischen Kraft heraus, sondern letztlich nur durch Regeln, die wir uns als Gesellschaft geben.“ (S. 46)

Das bedeutet nichts anderes als ein Aufruf zu politischem Handeln.

Alle Zitate aus: Uwe Schneidewind: Die große Transformation, Frankfurt am Main 2019