Die Krise als Chance

Zur gesellschaftlichen Dimension der Covid19-Pandemie

von Gerald Häfner

Die Öffentlichkeit wird derzeit ganz überwiegend von zwei eng verwandten Reflexen bestimmt: Angst und Abwehr. Das Virus wird von den Regierungen weltweit als Feind ins Visier genommen und mit kriegsähnlichen Handlungen bekämpft. In Frankreich spricht der Präsident bewusst martialisch vom Krieg gegen das Virus. Die Reaktionsmuster sind nicht überall gleich, es gibt durchaus Nuancen, die viel über die Denkweise und den Charakter bestimmter Politiker, über die Kultur eines Landes und über den Reifegrad einer Gesellschaft erzählen, doch die aggressiv-kämpferische Denkweise überwiegt.

Darin zeigt sich ein Denk-, und Reaktionsmuster, das ein feindliches Verhältnis zur Welt kultiviert, eine Handlungsweise im Kampfmodus, in Abwehr-, Eroberungs- oder Herrscherverhalten. Alles, was nicht integriert werden kann in den Rahmen des vertrauten Weltbildes, wird ausgeblendet oder vernichtet. Was dabei geschieht, ist das Gegenteil dessen, was in einer aufbauenden Weise im Umgang mit der Situation getan werden könnte oder sollte. Menschen zu isolieren, auszugrenzen aus ihrer schaffenden Tätigkeit, sie einzuschränken in ihrem gewohnten Bewegungsdrang, all dies schwächt massiv die menschliche Fähigkeit, sich in gesunder Weise mit einer möglichen Bedrohung durch das Virus auseinanderzusetzen. Hilfreich wäre in dieser Hinsicht genau das Gegenteil, wären soziale Kontakte, Wärme, Nähe, Begegnung, aber auch Bewegung, Sonne, frische Luft, Freude und Sinn im Leben und im Tun. Inzwischen wird sogar öffentlich darüber gestritten, was letztlich die schlimmeren Folgen habe: Die Ansteckung vieler Menschen mit dem Virus oder die Maßnahmen zu seiner Abwehr.

Eine Krankheit kommt immer ungelegen. Wir haben Wichtigeres zu tun als krank zu sein. Manchmal aber geht es nicht anders. Dann müssen wir der Krankheit Zeit und Raum geben. Wer dann aufmerksam in sich hineinhört, findet fast immer Gründe, warum er krank wurde. Denn jede Krankheit hat auch einen Grund – und einen spezifischen Sinn.

Könnte nicht, so wie jede Krankheit für den einzelnen Menschen einen biographischen Sinn hat, dies auch bei einer Pandemie der Fall sein – nur dann für die ganze Menschheit? Wie uns Krankheiten individuell oft darauf stoßen, dass wir etwas Bestimmtes in unserer Biographie nicht bewältigt haben, und uns zwingen, uns damit auseinanderzusetzen, so könnte eine Pandemie eine Art Trick der Natur sein, die ganze Menschheit mit bestimmten, bislang verdrängten Fragen zu konfrontieren und bisher versäumte Schritte zu tun. Meist muss der Patient begreifen, dass seine bisherige Lebensweise ungesund war und er sich eine andere angewöhnen muss, will er wieder gesund werden und noch länger leben.

Es ist unverkennbar, dass wir als Menschheit immer weiter in einen Modus geraten sind, durch den wir die Welt zerstören, ihr feindlich gegenüberstehen und versuchen, sie auszubeuten und zu beherrschen – und durch den wir selbst, um es sehr verkürzt zu sagen, von allem nur noch den Preis kennen und von nichts mehr den Wert. So haben wir zunehmend die Verbindung verloren: zu unseren Mitmenschen, zu uns selbst, viel mehr aber noch zur Natur und zu all den anderen Wesen, die mit uns diese Welt bevölkern und beleben. Die Frage lautet nicht nur: Wie kann ich das Geschehen nach möglichst vielen Ebenen und Seiten hin verstehen, sondern auch: Was kann ich, was können wir beitragen? Was, zum Beispiel, kann ich künftig anders machen? Krisen bergen in sich immer auch die Möglichkeit, falsche Verfahrensweisen und Entscheidungen zurückzunehmen, nicht fortzusetzen, und die öffentliche Diskussion über und Unterstützung für neue, bessere Wege zu suchen.

Es ist offen. Nach beiden Seiten. Es ist eben nicht vorherbestimmt, was daraus wird. Was aus einer Krise entsteht, liegt in unserer Hand. Die Art, wie wir eine Krise verstehen, sowie die Entschlüsse, die wir in ihrem Angesicht fassen, entscheiden mit darüber.

Was zunächst angesichts der prognostizierten Gefahr einer dramatischen, das Gesundheitssystem überfordernden Pandemie zum Schutz der Bevölkerung als richtig erachtet wurde – akut und zentral verordnete Beschränkungen – das fängt an, im Empfinden einer zunehmenden Zahl von Menschen umzuschlagen. Sie klagen über Repression von oben und protestieren gegen die Einschränkung ihrer Freiheits- und Bürgerrechte. Grund ist ein dramatisches Versäumnis der Politik: Die betroffenen Menschen werden nicht einbezogen, nicht gehört, nicht gefragt. Sie fühlen sich nicht ernst genommen. Wie anders wäre es gewesen, wenn nach einer kurzen Zeit, in der die Prognosen und Modellrechnungen einiger Virologen fast allein das Handeln bestimmten, bald schon offene, dialogische und demokratische Verfahren entwickelt worden wären? Runde Tische mit Ärzten und Pflegekräften unterschiedlicher Fachgebiete und Sichtweisen zum Beispiel – oder Runde Tische zu den Kindern mit Erziehern, Lehrern, Eltern, Jugend- und Sozialämtern und freien Trägern! Wenn im Sinne funktionaler Gliederung und demokratischer Selbstverwaltung mehr miteinander als übereinander gesprochen, vereinbart und entschieden worden wäre!

Auszeit – Die Krise als Chance

„Time out“ nennt sich etwa im Sport eine Unterbrechung des Spiels, in der beide Mannschaften sich sammeln, Zeit nehmen und neu überlegen können, wie sie fortan das Spiel gestalten wollen. Corona offeriert uns die Möglichkeit, aus dem Abstand der erzwungenen Quarantäne auf unsere Welt und unser Leben zu schauen. Wir können in uns hineinhorchen und uns fragen, was uns wirklich wichtig ist, wie wir in den nächsten Jahren arbeiten und leben, wo wir die Schwerpunkte setzen und was wir in Zukunft anders machen wollen.

Können wir, zum Beispiel, ein anderes Verhältnis zur Erde finden?

Können wir lernen, mit den Tieren anders umzugehen?

Können wir anders wirtschaften, ganzheitlicher, nachhaltiger und in Kooperation statt in Konkurrenz?

Können wir Gesellschaft anders gestalten, freiheitlicher, demokratischer und solidarischer?

Können wir Entscheidungen anders treffen, demokratisch und mit- statt gegeneinander?

Wir lernen gerade, dass es möglich ist, neu zu denken und Dinge ganz anders zu machen als bisher. So kann jede Krise zur Chance werden für eine gründliche Neu-Besinnung unseres Verhältnisses zur Erde, denn die gegenwärtige Pandemie hat bewiesen, zu welch großen Veränderungen wir fähig sind, wenn es uns notwendig erscheint. Dann gelingen uns in kürzester Zeit Veränderungen, die vorher über Jahre nicht möglich schienen. Das ist vielleicht die wichtigste Erfahrung der letzten Wochen und Monate. Wir dürfen sie nicht vergessen.

All diese Wege sind zugleich Wege ins Spirituelle. Wir überschreiten die engen Grenzen unseres Vorstellungsbewusstseins zum Spirituellen hin, wenn es um ein neues Verhältnis zur Tierwelt geht, um ein solches zur Pflanzenwelt oder zur Erde. Denn dieses Verhältnis meint Beziehung, Verbindung zu etwas, dem ich nur begegnen kann, wenn ich die engen Grenzen abstrakten Denkens und leibgebundenen Erlebens bewusst und aktiv übersteige. Genauso ist es bei der Begründung einer anderen Ökonomie, die nicht zuvörderst auf den Profit achtet, auf den materiellen, den monetären Verdienst, sondern auf das, was wir für die Erde und für die anderen Menschen tun können. Und wir sind auch im Spirituellen, wenn wir im Politischen nicht mehr in Dekreten, in Anordnung und Ausführung denken, sondern wenn wir gemeinsam versuchen, durch Gespräch, durch Dialog und durch gemeinsame Entscheidung die uns von der Zeit und dem Schicksal gestellten Fragen zu lösen. Immer geht es um die Überschreitung der eigenen Grenzen und um die Öffnung für das je andere Wesen. Dies – und nicht mehr Macht und Beherrschung – ist der neue Ur-Gestus des Sozialen.

Textauszug aus „Die Krise als Chance“, Sozialimpulse 2/20, verfügbar als Download bei

www.sozialimpulse.de