Homo oeconomicus macht schlechte Geschäfte

von Stefan Klein

Die traditionelle Ökonomie geht vom Einzelnen aus, der nur an die anderen denkt, wenn es ihm nützt. Die neuen Erkenntnisse der empirischen Wirtschaftsforschung hingegen legen eine ganz andere Sichtweise nahe: Das unabhängige Individuum ist eine Fiktion. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg ist vielmehr das Netzwerk seiner Gemeinschaft. Eine Gruppe, in der ein gewisses Maß an Selbstlosigkeit herrscht, steht fast immer besser da als ein Haufen von Egoisten. Denn erst auf der Grundlage von gegenseitiger Hilfsbereitschaft, dem Willen zur Fairness und Vertrauen funktioniert Handel. Homo oeconomicus, zahllose Experimente beweisen es, macht schlechte Geschäfte.

Der Zwang zum Miteinander hat das menschliche Wesen offenbar sehr früh geprägt. Nur so lassen sich neue Befunde der Hirnforschung erklären, wonach der Wunsch zu Teilen und zur Zusammenarbeit einer unserer stärksten Handlungsantriebe ist. Wenn Menschen freiwillig etwas für andere tun, sind Lustgefühle ihr Lohn; dabei springen in ihren Köpfen dieselben Schaltungen an, die auch beim Genuss einer Tafel Schokolade oder beim Sex gute Gefühle bereiten. Durch solche Mechanismen lässt sich letztlich auch der spektakuläre Erfolg der Wikipedia oder der freien Software erklären. Denn eingehende Untersuchungen haben gründlich aufgeräumt mit dem Mythos, dass Menschen vor allem aus Eigeninteresse zu solchen Projekten beitragen. Viel mehr zählt für sie fast immer der Wunsch, sein Wissen zu teilen und anderen zu helfen.

Die traditionelle Unternehmensführung vernachlässigt solch selbstlose Motive. Im Einklang mit der noch immer herrschenden Lehre der Wirtschaftswissenschaft geht sie davon aus, dass nur die Hoffnung auf Eigennutz uns antreiben kann. Dabei zeigen neue Experimente, dass Geld Menschen oft sogar demotiviert – dann nämlich, wenn sie aus anderen Antrieben auch ohne Lohn bereit wären, etwas für ihre Gemeinschaft oder eine gute Sache zu tun. Eindrucksvoll demonstrierten dies israelische Forscher an bis dahin unbezahlten Spendensammlern: Sobald die Wissenschaftler den Freiwilligen probeweise eine Provision auf die eingeworbenen Gelder bezahlten, kam weniger Geld zusammen als vorher. Der Wunsch, etwas für andere zu tun, schienen nunmehr für die Versuchspersonen unerheblich zu sein; für sie zählte nur noch die Frage, ob sie für ihren Einsatz einen angemessenen Anteil erhalten.

Je mehr eine Wirtschaft auf Wissen und auf dem Prinzip der Vernetzung beruht, umso stärker ist sie auf die altruistischen Antriebe der Menschen angewiesen. Denn sie lebt zunehmend vom Austausch, während gleichzeitig das Abstecken von Eigentumsrechten immer schwieriger wird. Je mehr Menschen weltweit übereinander wissen und voneinander abhängen, desto stärker steigt der Nutzen der Selbstlosigkeit, während ihre Kosten sinken. Darum werden die erfolgreichen Organisationen künftig diejenigen sein, die die Menschen in ihrem Wunsch, für andere zu handeln, bestärken. Die Zukunft gehört den Altruisten.

Auszug aus: Homo oeconomicus macht schlechte Geschäfte. Essay von Stefan Klein

https://www.stefanklein.info/node/277