Unsere Welt neu denken

von Maja Göpel

Wie konnte es soweit kommen? Zum besseren Verständnis der Lage, in der wir uns heute als Menschheit befinden

Wenn wir also verstehen wollen, wie es passieren konnte, dass die Menschheit den Planeten – den einzigen, den sie zur Verfügung hat – in der Lebensspanne zweier Generationen an den Rand des Kollapses gebracht hast, müssen wir uns diese Ideen, Strukturen und Regeln wieder bewusst machen (S. 17).  

Erst wenn wir sie erkennen, können wir sie auch verändern – und unsere Freiheit zurückgewinnen (S. 22). Wer Zukunft erfolgreich gestalten will, sollte also damit anfangen, von dem auszugehen, was tatsächlich der Fall ist, und nicht von dem, wie es früher einmal war. Jahrtausendelang erlebten die Menschen die Erde als einen Planeten, der über unbegrenzte Ressourcen verfügte. War der Wald an der einen Stelle gerodet, stand daneben schon der nächste. War das Wild gejagt, der See leergefischt, das Bergwerk erschöpft, wich man eben an einen anderen Ort aus oder verlegte sich auf eine andere Ressource, die am bisherigen Ort ebenfalls zur Verfügung stand. Der Planet schien riesig zu sein. Es war immer möglich, auf die eine oder andere Art auszuweichen und sich etwas Neues zu erschließen. Das ist bei weitem nicht immer friedlich verlaufen. Gerade die sich verfestigenden Nationalstaaten in Europa enteigneten in ihrer globalen Expansion … die dort lebende Bevölkerung und dezimierten sie häufig radikal. Die reicher werdenden Industriestaaten erhielten Zugang zu unzähligen neuen Ressourcen und gebaren neue Techniken oder entdeckten vollkommen neue Bausteine wie das Atom oder das Gen. Das, was wir modernen Fortschritt nennen, ist im Prinzip nichts anderes als Ausbreiten, Ausbeuten, Expandieren und Extrahieren.  Und solange dieses Modell funktionierte, solange wenige Menschen viel Planet gegenüberstanden, solange gab es keinen Grund, daran etwas zu ändern. Kämpfe um soziale Gerechtigkeit und allgemeine Menschenrechte veränderten die Methoden dieses Fortschritts immer wieder, aber sein Prinzip wurde im Großen und Ganzen nicht infrage gestellt. Mittlerweile hat sich das Verhältnis Mensch und Natur jedoch grundlegend geändert. Inzwischen gibt es für immer mehr Menschen immer weniger Planet. Wir wirtschaften nicht mehr in einer „leeren“, sondern in einer „vollen“ Welt, wie der Ökonom Hermann Daley es ausdrückte (S. 29).

Wussten Sie, dass die Hälfte des Kohlendioxids, für das die Menschheit verantwortlich ist, in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen wurde? Also von uns, unserer Generation. Den Schaden, den wir wissentlich angerichtet haben, ist inzwischen genauso groß wie der, den die Menschheit entstehen ließ, als wir noch nicht wussten, was wir taten. Wie konnte es dazu kommen? Meine These ist, dass wir uns geweigert haben, die neue Realität wirklich anzusehen. Wir haben uns bald fünfzig Jahre in einer Scheinrealität eingerichtet, in der wir statt physikalischen und biologischen Indikatoren lieber den monetären gefolgt sind (S. 35).

Unser Blick auf die Natur

Wer verstehen und damit nachvollziehen will, warum sich unser Wirtschaftssystem so entwickelt hat, wie wir es heute kennen, muss sich zunächst klarmachen, welchen Blick wir auf die Natur haben. Natur bildet die Grundlage unseres Wirtschaftens, sie erschafft die Energie und das Material dafür, der Mensch formt beides nur um. Solange die Menschen davon ausgingen, dass die Natur von einem oder mehreren Göttern geschaffen wurde, blieben ihre Gesetze genauso unergründlich wie die göttlichen Wege. In einigen Kulturen sahen die Menschen in der Natur oder der Erde selbst die schöpfende Göttin, in unserem westlichen Kulturkreis hat sich schließlich die Idee des einen Gottes durchgesetzt, der die Erde schuf und sie dem Menschen überantwortete. Als Wissenschaftler wie Galileo Galilei, René Descartes oder Isaac Newton ab dem 16. Jahrhundert einen neuen Blick auf diese Vorstellung warfen und den Auftrag, „sich die Erde untertan zu machen“, neu interpretierten, entstand auch eine völlig neue Perspektive auf die Rolle der Menschen. Sie zeigten, dass die Natur berechenbaren Regeln folgt, und wenn die Wissenschaft diese Naturgesetze erkennt und beschreibt und die Menschen sie systematisch zu ihrem eigenen Nutzen anwenden, dann können sie ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. Fertig waren die Aufklärung und das neue Bild des homo sapiens.

Wie ein Kind, das sein Spielzeug auseinandernimmt, nahm der Mensch nun Stück für Stück die Natur auseinander und begann, mit ihren Einzelheiten zu spielen. Er fand heraus, welche Aufgabe sie hatten. Er veränderte sie, tauschte sie gegeneinander aus oder setzte sie neu zusammen, in der Überzeugung, dass die Welt für ihn damit besser funktioniere als vorher. Aus der Natur, deren Teil der Mensch gerade noch gewesen war, wurde nun die Um-welt, von der er sich abgetrennt hatte und die ihn ab jetzt nur noch umgibt. Aus einem lebendigen Ganzen, in dem alles miteinander verbunden ist, wurde eine Maschine, die sich für eigene Zwecke nach Belieben umbauen und verändern lässt. Etwas, das den Charakter eines sich dynamisch stabilisierenden Netzes von Beziehungen hat, reduziert sich in der Wahrnehmung des Menschen auf einzelne Elemente und oft auf auch nur auf einen einzelnen Aspekt, der ihn am (unsichtbar gewordenen) Ganzen interessiert. Und zwar: Lässt es sich wertbringend nutzen? Oder kann es weg?

Wer so durch die Welt geht, hat natürlich keinen Blick für deren unfassbare Vielfalt, ihre dynamischen Veränderungen und die Verbundenheit zwischen den einzelnen Teilen. Er übersieht, dass nichts, noch nicht einmal die kleinste Schneeflocke, jemals einer anderen gleicht. Dass jedes Phänomen aus einem anderen entsteht und die Art, wie ein Element eingebettet ist, seine Qualität und Entwicklung beeinflusst. Stattdessen sieht die Welt nun so aus:

Wald ist nichts weiter als Holz.
Erde ist eine Halterung für Pflanzen.
Insekten sind Schädlinge.
Und das Huhn ist ein Ding, das Eier legt und Fleisch liefert (S. 39). 

Der bedeutende Unterschied zwischen solchen Systemen, die der moderne Mensch baut, und solchen, die in der Natur vorkommen, ist, dass Letztere durch eine hohe Diversität gekennzeichnet sind und in einem Kreislauf funktionieren. Im natürlichen System gibt es niemanden, der etwas rausnimmt, ohne es nicht in einer weiteren wieder verwertbaren Form wieder zurückzugeben. Der Abfall des einen ist die Nahrung des anderen. Greift der moderne Mensch in ein so gewachsenes System ein, wird aus dem Kreislauf ein Förderband, das nur noch in eine Richtung läuft. Vorne wird abgebaut, dann verbraucht, und hinten entsteht Müll, der für niemanden Nahrung ist. Müll, der verbrannt, verbuddelt oder aufgetürmt wird oder eben im Meer und den Flüssen schwimmt. Natürliche Systeme sind auf Dauer angelegt, menschliche auf den Moment. Natürliche System leben von der Vielfalt, steuern sich selbst und können Schocks abfangen. Genau das macht sie resilient und in ihrer Ganzheit effizient. Sie sind auf Energieeffizienz ausgerichtet, weshalb auch nichts verschwendet wird. Moderne menschliche Systeme versuchen einzelne Prozesse – denken Sie an das Bild des Förderbandes – ökonomisch effizient zu gestalten: Was vorne weniger kostet, ist hinten netto positiv. Dadurch reduzieren menschliche System Vielfalt, und das Gesamtgefüge wird homogen, was es fragil und fehleranfällig macht. Anstatt also die Muster erfolgreicher Evolution in lebendigen Systemen zu übernehmen, versucht der moderne Mensch alles, was er anfasst, in eine maximal produktive Maschine zu verwandeln, ohne die Umgebung dieser Maschine im Blick zu behalten (S. 43).

Denken und Handeln

Wie verändern wir nun die neu gedachte Welt?

Weiterzumachen wie bisher ist keine Option, weil es zu radikalen und wenig einladenden Konsequenzen führt. Denn auch wenn wir gar nichts verändern, verändert sich viel – nur nicht zum Guten. (…) Wir alle sind ein Teil vernetzter Systeme, in denen nichts ohne Effekt ist, ob wir wollen oder nicht, ob wir etwas anders machen oder nicht. Das bedeutet aber auch, dass wir die Chance haben, den Veränderungen eine bewusste Richtung zu geben. Genau genommen haben wir nicht nur die Chance, sondern auch die Verantwortung dazu. Wir alle können jeden Tag Teil der Veränderung sein, die wir uns für die Welt wünschen, auch wenn sich diese Veränderung erst einmal klein und wenig anfühlt (S. 183).

aus: Maja Göpel: Unsere Welt neu denken © 2020 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.